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Leseprotokoll Juli 2017

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Mein Juli war recht lesereich, zumindest was den Bereich Science Fiction und Fantasy angeht. Und natürlich bewahrheitete sich dabei einmal mehr, dass Science Fiction vor allem von der Gegenwart handelt.

Wie beispielsweise in Stephen Gaskells Anthologie Tales from the Edge: Escalation (die ich auch gekauft habe, weil eine Geschichte darin von Alaistar Reynolds stammt). Der gemeinsame Hintergrund für die hier versammelten, schnell gelesenen Storys ist ein Planeten und Sonnensysteme verschlingender »Maelstrom«. Ein solches Ereignis löst Evakuierungen und Fluchtbewegungen aus, und auch religiöse Kulte blühen auf. Wer kann es sich leisten, einen Platz auf einem der Evakuierungsraumschiffe zu bekommen? Wer erschwindelt sich einen? Was ist der Preis dafür – und wie geht es danach weiter?

Auch in Tomorrow’s Kin von Nancy Kress bildet ein katastrophales Ereignis den Hintergrund einer Geschichte, in der es – in diesem Fall – um Vertrauen, Politik und Wissenschaft im Spätkapitalismus geht. Technologisch überlegene Cousinen der Menschheit landen vor New York, um vor einer drohenden Begegnung der Erde mit einer interplanetaren Sporenwolke zu warnen. Sie rufen dazu auf, in einer gemeinsamen wissenschaftlichen Anstrengung ein Gegenmittel zu entwickeln. Die Protagonistin ist eine mäßig erfolgreiche Wissenschaftlerin, die durch einen Zufall zum Teil des Teams wird, das hier zusammenkommt. Aber ist es richtig, den außerirdischen Cousinen zu vertrauen? Gibt es diese Sporenwolke wirklich – und warum existiert nicht längst ein Gegenmittel? Der Handlungsbogen dieses ersten Bandes erstreckt sich über mehrere Jahre, schlägt dabei einige Volten und hat mich bis zum Schluss nicht kalt gelassen.

Dass es in Charles Stross’ Delirium Brief, dem neusten Band der Laundry-Serie (Horror meets britische Bürokratie), ebenfalls um Katastrophales geht, ist nicht verwunderlich. Nachdem die Existenz der Laundry im letzten Band öffentlich bekannt wurde, geht es jetzt darum, mit den politischen Folgen umzugehen – Regierungskommissionen, Talkshows, rollende Köpfe und ein Prozess, der im Outsourcing dieser Behörde münden wird. Hier liegt dann auch der wahre Horror … (nebenbei bemerkt: die Laundry würde sich hervorragend für eine Serienverfilmung eignen).

Ein weiterer Band einer Serie ist Luna: Wolf Moon von Ian McDonald. »Game of Thrones« auf dem Mond würde für einige der Entwicklungen, die sich aus dem Regimewechsel am Ende des ersten Bandes (Luna: New Moon) ergeben, durchaus auch passen. Wie Mond und Erde sich näherkommen, und wie die Intrigen der lunaren Familienkonzerne sich weiterspinnen, ist lesenswert – insbesondere, weil McDonald es hier, wie auch in vielen seiner früheren Bücher, schafft, eine ganz eigene, synkretische Kultur lebendig werden zu lassen, in der er Elemente, die er z.B. afrikanischen, brasilianischen, australischen und asiatischen Lebenswelten entnommen hat, mit ganz neuen Erfindungen, wie sie nur in der Niedrig-Gravitations-Gesellschaft des Mondes entstehen können, zusammenbringt, und zu einem überzeugenden Ganzen zusammenwachsen lässt. Seine Mondzukunft ist im Großen alles andere als eine Utopie (wie gesagt, gewisse Grundstrukturen erinnern an »Game of Thrones«) – die eine oder andere utopische Nische findet sich allerdings doch.

Last but not least: Ada Palmer war mir bisher kein Begriff. Durch Zufall bin ich auf ihre beiden Bände Too Like The Lightning und Seven Surrenders gestoßen und bin hin- und hergerissen, was ich davon halten soll. Die Historikerin Palmer entwirft eine postnationale Zukunft, einige hundert Jahre nach unserer Gegenwart. Dass der Nationalstaat hier an Bedeutung verloren hat und teilweise durch andere Instanzen ersetzt wurde, erinnert an Malka Olders Infomocracy. Jede und jeder kann wählen, welcher der hier sieben weltumspannenden Einheiten er oder sie zugehörig ist. Da und dort schimmern noch einzelne regionale Bündnisse (die EU), globale Konzerne (Mitsubishi-Greenpeace) oder andere Vorbilder (die olympischen Spiele und deren Vermarktung, das römische Reich, die scientific community) als Kerne dieser Postnationen durch. Die Zukunft ist rationell – Geschlecht ist tabuisiert und zugleich fluide, Familien sind durch Wahlverwandschaften und kommunale Lebensformen ersetzt, Religion ist nach schrecklichen Religionskriegen höchstprivat, und Probleme wie der Verkehr (computergesteuerte suborbitale Taxis) oder der Umgang mit Verbrecher*innen (fürsorgliche Versklavung) haben kluge Lösungen gefunden. Computer und Mensch-Computer-Hybride sorgen für optimale Steuerung. Doch hinter dieser heilen Oberfläche taucht eine Parallelwelt der Reichen und Mächtigen auf, die in barock anmutender Ausschweifung durch Sexualität, Religiösität, philosophische Lektüre und andere Tabubrüche zusammengehalten wird. Dazu kommen fast schon mystische Begebenheiten. Der (eigenwillige und sicherlich nicht besonders zuverlässige) Erzähler büßt für ein brutales Verbrechen, und ist doch zugleich derjenige, der nach und nach die Puzzlesteine der zunächst nach Krimi aussehenden Geschichte zusammensetzt. Spannend ist Palmers Serie (ein dritter Band erscheint demnächst) auch durch diese Geschichte – vor allem aber wirft der Roman Fragen dazu auf, was das konsequente Weiterdenken heutiger Entwicklungen bedeuten würde. Die Antworten faszinieren, stoßen aber zugleich ab.

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Temporäre Freiräume

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Die letzten zwei Tage habe ich vor allem damit zugebracht, mich auszukurieren – Ende Januar, fiese Erkältung, eigentlich hätte ich damit rechnen sollen. Fieber, und ab und zu ein Blick in die Twitter-Timeline, die so wirkte, als sei sie soeben einem Paralleluniversum entstiegen. Trump-Bannon setzt um, was Trump im Wahlkampf versprochen hat, und zwar in rasantem Tempo und mit maximaler Schockwirkung. Das wird seine Gründe haben. Ich finde es jedenfalls extrem gruselig, dass mit einem Federstrich Visas außer Kraft gesetzt werden, Menschen aus Flugzeugen gezerrt werden, Familien auseinander gerissen werden und selbst Greencard-Inhaber*innen fürchten müssen, entweder die USA nie wieder verlassen oder nie wieder in diese einreisen zu können. Und, nein: kein hitziger Fiebertraum, leider.

Checks and balances, melting pot, das Einwanderungsland per se – das, was ich in der Schule über die USA gelernt habe, scheint schon lange nicht mehr zu stimmen, und das wird gerade so richtig deutlich. Einziges ermutigendes Licht am Horizont: doch recht deutliche Worte der internationalen Gemeinschaft (und einiger Hightech-Firmen), und vor allem eine extrem aktive Zivilgesellschaft, mit Eilklagen der ACLU, Taxifahrer*innen-Streiks, freiwilligen Rechtsanwält*innen und Demos an Flughäfen. Wenn es eine Stufe gab, die Trump übersteigend konnte, um deutlich zu machen, dass er das ganze Gerede von Mauern, Abschiebung und »America first« ernst meint, dann sind das die Dekrete, die er in dieser Woche unterzeichnet hat. Wer jetzt noch glaubt, es mit politics as usual zu tun zu haben, muss verdammt naiv sein. (Insofern würde ich mir auch von den US-Demokrat*innen wünschen, sehr bald sichtbar und strategisch fundiert vorzugehen, und nicht aufgrund von parlamentarischen Traditionen etc. z.B. Trumps Personal durchzuwinken. Es ist ernst.)

Jedenfalls: Wählen ändert was. Und es kann auf wenige Stimmen ankommen, die darüber entscheiden, ob am Schluss die eine oder die andere Zukunft steht. Ich glaube, dass das eine Botschaft ist, die auch für die Bundestagswahl im September diesen Jahres wichtig ist. (Die andere Botschaft: manchmal ist notwendig, sich nicht intern zu zerstreiten, sondern zusammenzustehen … gerade in ernsten Zeiten).

Aber eigentlich wollte ich gar nicht über Trump schreiben, sondern über die Bücher, die ich im Januar gelesen habe. Ich habe mir zu Weihnachten einen eBook-Reader gegönnt, seitdem fehlt der Bücherstapel. Deswegen habe ich mir mal aufgeschrieben, was ich so gelesen habe. Dazu gehört Neil Gaimanns Essayband The view from the cheap seats, und er schreibt dort unter anderem so schöne Dinge wie das hier (S. 8 und 9, meine Übersetzung).

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Kurz: Adulting

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Ich bin 41 Jahre alt, habe – zumindest die Hälfte jeder Woche – zwei Kinder, seit längerem einen Uniabschluss und seit einiger Zeit auch eine feste Stelle. Ich lebe in einer eher kleinen Mietswohnung, habe weder Führerschein noch Auto, und finde trotz dem frühen Aufstehen, das sich durch das Pendeln zur Arbeit bzw. das In-die-Schule-Schicken der Kinder ergibt, ab und zu doch, dass sich mein Leben gar nicht so sehr verändert hat seit der Zeit, als ich studiert habe. Im englischsprachigen Raum (bzw. in dem Ausschnitt, der bei mir via Twitter davon ankommt …) findet hinter dem Begriff »adulting« (in etwa: »erwachsene Dinge tun«) immer mal wieder eine Debatte darüber statt, was Erwachsensein im 21. Jahrhundert eigentlich ausmacht. Ich lese zum Beispiel immer noch viel Science Fiction und Fantasy – machen Erwachsene sowas? Lego für Erwachsene, Popmusik, viel Zeit zum Vergnügen vor dem Bildschirm, ob das jetzt – bei mir eher nicht so – der Serienkonsum via Netflix, Computerspiele oder – das doch viel – soziale Medien sind, eine nur vage Annäherung an erwachsene Kleidungstandards. Lesenswert ist hier z.B. der Beitrag und die darunter stehende Debatte im Blog des SF-Autors Charles Stross unter dem Titel »Forever young?«. Haben sich die Konventionen geändert und passen schlicht nicht mehr zu den in der Kindheit gelernten Erwartungen? Oder hat unsere Gesellschaft (jedesmal, wenn ich aus Berlin komme, denke ich, da vielleicht noch mehr als anderswo) das Erwachsensein verlernt?

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Kulturkampf um das imaginäre Land

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Adopt a pop culture I

Um die Zukunft und die Vergangenheit – so weit sie als Science Fiction bzw. als Fantasy imaginiert werden – findet derzeit, von der größeren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ein Kulturkampf statt. Unbemerkt, aber nicht unwichtig, denn wo anders als in diesem Genre entsteht das kollektive Imaginäre? Ein heiß diskutiertes Symptom für diesen Kulturkampf sind die vor wenigen Tagen bekanntgegebenen Hugo-Nominierungen. Um das zu verstehen, ist allerdings etwas Hintergrund notwendig.

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Flucht vom Planeten Erde

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On a search for the falling star XII

Anatol Stefanowitsch regte sich heute über, sagen wir mal, die technikbezogene Oberflächlichkeit der Menschheit auf. Also, dass z.B. sehr viel mehr Geld in Smartphoneschnickschnack fließt als in z.B. die bemannte Raumfahrt. Ich fasse seine Tweets mal zusammen:

Wir könnten längst auf dem Mars sein. Stattdessen lesen wir atemlose Nachrichten von einer Firmenzentrale namens „Spaceship Campus“. Und zwar der Firmenzentrale eines Konzerns für Unterhaltungselektronik, nicht etwa für Raumfahrt.

Dumm nur, dass diese Firmenzentrale längst Stahl-, Glas- und Betonschrott sein wird, wenn uns klar wird, dass wir auf der Erde festsitzen. (Bzw., unsere Nachkommen, die dann zum Trost mit Bergen unseres Elektronikmülls spielen können.)

Aber viel wichtiger: Das neue iPhone, es wird vielleicht ein gekrümmte Display haben! Gekrümmt! Ist Wissenschaft nicht wundervoll?

Ich konnte dann nicht anders, als ihm zu widersprechen. Nicht, weil ich die Frage der Displaykrümmung des neuen iPhones besonders wichtig fände, sondern weil ich die Besiedlung anderer Planeten für ein ziemlich utopisches Vorhaben halte. Also für eines, das sich gut für – literarische – Utopien eignet (und natürlich noch viel besser für (New) Space Opera), das mir aber als Rettungskonzept für das Überleben der Menschheit doch höchst ungeeignet erscheint.

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