Archiv der Kategorie: Zukunftsvisionen

Leseprotokoll Mai 2017

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Im Mai bin ich gar nicht so zum Lesen gekommen, wie ich das eigentlich wollte. Das lag unter anderem an den Wahlen (die ich dann lieber verfolgt habe, statt ein Buch zu lesen), aber auch an diversen Filmen, die ich alleine oder mit meinen Kindern angeschaut habe. Neben diversen Ausgaben des MERKUR (den ich im Allgemeinen sehr mag, der aber oft ungelesen liegenbleibt) und dem Kinderbuch Das Augen-Verwirr-Buch von Silke Vry (optische Täuschungen in Kunstwerken; schön gemacht, aber meine Kinder fanden es eher langweilig) waren das vor allem zwei Bücher:

Jorge Cham und Daniel Whiteson haben We have no idea – A guide to the unknown universe veröffentlicht. Ja, richtig, ein Sachbuch. Cham ist vor allem für die PhD-Comicserie bekannt, Whiteson ist ein kalifornischer Experimentalphysiker. We have no idea ist flott geschrieben – und handelt tatsächlich genau davon: Was wir alles nicht wissen über das Universum. Nebenbei wird dann erklärt, was wir alles wissen, wie weit weg andere Sterne tatsächlich sind, und wie das mit dem Urknall und dem ganzen Zeugs so gelaufen ist. Was wir nicht wissen? Wie groß das Universum ist, ob es in etwas anderes eingebettet ist, woraus Quarks bestehen (und ob es eine Art Periodensystem der Bosonen/Leptonen gibt, das auf zugrunde liegende Muster schließen lässt), ob das Universum in seiner kleinsten Abmessung »digital« (also diskret) oder »analog« organisiert ist, wie Quantenmechanik und Gravitation zusammenpassen, was Masse ist, naja, und noch so einiges mehr. Trotz einiger Wiederholungen sehr interessant. Zumindest fühle ich mich jetzt schlauer.

Das andere Buch, das ich im Mai gelesen habe, ist Cory Doctorows neuer Roman Walkaway. Doctorow ist ein sehr politischer Science-Fiction-Autor, und manche seiner früheren Bücher lesen sich eher wie in Belletristik gegossene politische Manifeste. Bekannt geworden ist er vor allem für sein Eintreten für offene Software und offene Daten, gegen proprietäre Systeme und gegen Überwachung. Walkaway hat auch Stellen, die eher Manifestcharakter haben. Es ist aber doch mehr. In einen Tweet gepackt, hatte ich dazu geschrieben:

Doctorow selbst nannte das eine sehr gute Zusammenfassung. Auseinandergenommen, geht es um folgendes. Die Zukunft, die Doctorow skizziert, ist eine, in der »deep tech« allgegenwärtig ist – also künstliche Intelligenz, 3D-Drucker, Internet of Things und autonome Maschinen und all sowas. Im Mainstream-Teil der von ihm beschriebenen Gesellschaft ist aus dem Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ein Überwachungsregime geworden, das auf »deep tech« aufbaut – und in dem einige wenige »Zottas« das Sagen haben. Zottas sind die immens reiche Eigentümerfamilien der Konzerne. Ich nehme an, dass Doctorow dabei einen obskuren Präfix für sehr große Zahlen vor Augen hatte (Zetta- ist der SI-Präfix für 10^21, Zotta- soll ein SI-Präfix für 10^255 sein). Jedenfalls: sehr, sehr reiche Ultrareiche, die eigentlichen Herrscherinnen und Herrscher über die Mainstream-Welt (die Doctorow als »Default« bezeichnet).

Dass es einige dort nicht aushalten, verwundert nicht. In der von Doctorow beschriebenen Zukunft sind es die Walkaways, die quasi-nomadisch in verwüstete Gebiete ziehen, dort mit Hilfe von Fabbern, 3D-Druckern und als Open Source zugänglichen Bauplänen (oder gecrackten proprietären Plänen) etwa für Flüchtlingsunterkünfte Häuser bauen und als »eco-anarchist intentional community«, also als anarchistische Kommune dort leben. Ohne Geld, ohne Besitz – im Zweifel wird halt schnell mal der 3D-Drucker angeworfen –, eher gewaltfrei, gerne polyamorös und mit eigenen Solarzellen und Windrädern auch ein bisschen ökologisch.

Der Spannungsbogen des umfangreichen Buchs hängt nun unter anderem am Zusammentreffen dieser beiden Welten. Die Hauptfigur nennt sich Iceweasel, ist Tochter eines Zotta-Clans und läuft mit einigen Freunden davon in die Welt der Walkaways.

Das geht lange gut (und wird von Doctorow auch in schöner utopischer Ausführlichkeit geschildert), aber irgendwann schlägt »Default« zurück – mit Drohnen und schwerem Kriegsgerät. Randbedingung #1: das aufgegebene Land ist ökologisch ziemlich kaputt. Randbedingung #2: die im freien Zusammenschluss vor sich hin werkelnden Wissenschaftler*innen der Walkaway University stehen kurz davor, Gehirne zu Software zu machen. Ende der Utopie? Oder erst der Anfang?

Mehr zu verraten, scheint mir an dieser Stelle nicht angebracht zu sein. Wer aus einer der beiden Szenen – alternative Lebensstile oder Hacker-Maker – kommt, wird sich jedenfalls in Walkaway wiederfinden, und vielleicht auch ein bisschen Selbsterkenntnis mitnehmen.

Walkaway ist am Schluss eine Utopie. Und als solche alles andere als eine Blaupause für die bessere Welt. Die eine oder andere Anregung dafür, was »deep tech« in einem anderen Denkkontext noch könnte, und welche Potenziale Open Source Hardware haben könnte – im Rahmen von Degrowth wird darüber heute schon sehr ernsthaft diskutiert –, lassen sich dort allerdings doch finden. Nicht nur deswegen hat’s mir sehr gut gefallen.

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Experimenteller Technikoptimismus – Update 2017

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Man with dog III

Judith Horchert, Matthias Kremp und Chris Stöcker schrieben vor zwei Jahren über fünf Technologien, die unseren Alltag rasant verändern werden. Ich war skeptisch, ob Robotik, autonome Fahrzeuge, künstliche Intelligenz, VR und automatische Übersetzungen »on the fly« sich wirklich so schnell durchsetzen werden, wie Horchert, Kremp und Stöcker das damals vermuteten.

Vor einem Jahr habe ich mir den damaligen Entwicklungsstand angeschaut. Mein damaliges Fazit:

Vor einem Jahr war ich noch sehr skeptisch, dass es hier tatsächlich zu Durchbrüchen kommt und entsprechende Technologien – von den Robotern bis zur allgegenwärtigen KI – Einzug in den Alltag finden und sich auch tatsächlich durchsetzen. Gerade was die Sprach- und Bilderkennung angeht, und alles, was darauf aufbaut, ist in den letzten Monaten extrem viel passiert.

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Temporäre Freiräume

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Die letzten zwei Tage habe ich vor allem damit zugebracht, mich auszukurieren – Ende Januar, fiese Erkältung, eigentlich hätte ich damit rechnen sollen. Fieber, und ab und zu ein Blick in die Twitter-Timeline, die so wirkte, als sei sie soeben einem Paralleluniversum entstiegen. Trump-Bannon setzt um, was Trump im Wahlkampf versprochen hat, und zwar in rasantem Tempo und mit maximaler Schockwirkung. Das wird seine Gründe haben. Ich finde es jedenfalls extrem gruselig, dass mit einem Federstrich Visas außer Kraft gesetzt werden, Menschen aus Flugzeugen gezerrt werden, Familien auseinander gerissen werden und selbst Greencard-Inhaber*innen fürchten müssen, entweder die USA nie wieder verlassen oder nie wieder in diese einreisen zu können. Und, nein: kein hitziger Fiebertraum, leider.

Checks and balances, melting pot, das Einwanderungsland per se – das, was ich in der Schule über die USA gelernt habe, scheint schon lange nicht mehr zu stimmen, und das wird gerade so richtig deutlich. Einziges ermutigendes Licht am Horizont: doch recht deutliche Worte der internationalen Gemeinschaft (und einiger Hightech-Firmen), und vor allem eine extrem aktive Zivilgesellschaft, mit Eilklagen der ACLU, Taxifahrer*innen-Streiks, freiwilligen Rechtsanwält*innen und Demos an Flughäfen. Wenn es eine Stufe gab, die Trump übersteigend konnte, um deutlich zu machen, dass er das ganze Gerede von Mauern, Abschiebung und »America first« ernst meint, dann sind das die Dekrete, die er in dieser Woche unterzeichnet hat. Wer jetzt noch glaubt, es mit politics as usual zu tun zu haben, muss verdammt naiv sein. (Insofern würde ich mir auch von den US-Demokrat*innen wünschen, sehr bald sichtbar und strategisch fundiert vorzugehen, und nicht aufgrund von parlamentarischen Traditionen etc. z.B. Trumps Personal durchzuwinken. Es ist ernst.)

Jedenfalls: Wählen ändert was. Und es kann auf wenige Stimmen ankommen, die darüber entscheiden, ob am Schluss die eine oder die andere Zukunft steht. Ich glaube, dass das eine Botschaft ist, die auch für die Bundestagswahl im September diesen Jahres wichtig ist. (Die andere Botschaft: manchmal ist notwendig, sich nicht intern zu zerstreiten, sondern zusammenzustehen … gerade in ernsten Zeiten).

Aber eigentlich wollte ich gar nicht über Trump schreiben, sondern über die Bücher, die ich im Januar gelesen habe. Ich habe mir zu Weihnachten einen eBook-Reader gegönnt, seitdem fehlt der Bücherstapel. Deswegen habe ich mir mal aufgeschrieben, was ich so gelesen habe. Dazu gehört Neil Gaimanns Essayband The view from the cheap seats, und er schreibt dort unter anderem so schöne Dinge wie das hier (S. 8 und 9, meine Übersetzung).

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Nach der Digitalisierung: Was bleibt?

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Small waterfall II

Vermutlich muss ich den Titel dieses Blogbeitrags erklären, und vermutlich muss ich dafür etwas weiter ausholen.

Ausgangspunkt ist die Art und Weise, wie wir – z.B. in der grünen Partei, oder in der Wissenschaft, oder in den Medien – den Prozess der Digitalisierung betrachten, verstehen und vor allem auch darstellen. Immer wieder finden sich da Bilder wie das der (vierten industriellen) Revolution, der Zeitenwende, der neuen Ära oder Epoche. Der »digitale Wandel« verändert alles, kein Stein bleibt auf dem anderen, und was gestern noch galt, wird morgen ungewiss sein. Das lässt sich jetzt zum einen auf verschiedene Bereiche durchdeklinieren – was macht »DeepTech« (so der schöne Begriff, den Holger Schmidt auf der Open! 2016 für die Kombination aus Internet-der-Dinge, Sensorik, AR/VR, Künstliche Intelligenz und verteilte Plattformmodelle prägte) mit der Automobilindustrie, wird die Arbeitswelt und der Alltag »in Zukunft« ganz anders aussehen als heute, ändern sich fundamental nicht nur Bildung, Kompetenzen und Kulturtechniken, sondern auch Vorstellungen von Raum und Zeit, usw. usf. Das ganze lässt sich als technophile Utopie zeichnen, oder als Menetekel, als Warnung vor der großen Katastrophe (Facebook zerstört, Google hat uns im Griff, …).

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Kurz: Adulting

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Ich bin 41 Jahre alt, habe – zumindest die Hälfte jeder Woche – zwei Kinder, seit längerem einen Uniabschluss und seit einiger Zeit auch eine feste Stelle. Ich lebe in einer eher kleinen Mietswohnung, habe weder Führerschein noch Auto, und finde trotz dem frühen Aufstehen, das sich durch das Pendeln zur Arbeit bzw. das In-die-Schule-Schicken der Kinder ergibt, ab und zu doch, dass sich mein Leben gar nicht so sehr verändert hat seit der Zeit, als ich studiert habe. Im englischsprachigen Raum (bzw. in dem Ausschnitt, der bei mir via Twitter davon ankommt …) findet hinter dem Begriff »adulting« (in etwa: »erwachsene Dinge tun«) immer mal wieder eine Debatte darüber statt, was Erwachsensein im 21. Jahrhundert eigentlich ausmacht. Ich lese zum Beispiel immer noch viel Science Fiction und Fantasy – machen Erwachsene sowas? Lego für Erwachsene, Popmusik, viel Zeit zum Vergnügen vor dem Bildschirm, ob das jetzt – bei mir eher nicht so – der Serienkonsum via Netflix, Computerspiele oder – das doch viel – soziale Medien sind, eine nur vage Annäherung an erwachsene Kleidungstandards. Lesenswert ist hier z.B. der Beitrag und die darunter stehende Debatte im Blog des SF-Autors Charles Stross unter dem Titel »Forever young?«. Haben sich die Konventionen geändert und passen schlicht nicht mehr zu den in der Kindheit gelernten Erwartungen? Oder hat unsere Gesellschaft (jedesmal, wenn ich aus Berlin komme, denke ich, da vielleicht noch mehr als anderswo) das Erwachsensein verlernt?

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