Archiv der Kategorie: Zukunftsvisionen

Vier Vorschläge zur Identitätskrise der SPD

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Balcony tomatoes II

Die Zeiten, in denen die SPD locker 40 Prozent holte, sind lange vorbei. In der Analyse führender Genossen – Manfred Güllner vom Institut forsa sei hier exemplarisch erwähnt, aber auch Sigmar Gabriel hat sich schon entsprechend geäußert – hängt das immer noch damit zusammen, dass so eine komische kleine Umweltpartei der SPD Ende der 1970er Jahre ihre Themen weggenommen hat. Plötzlich waren rauchende Schlote, rumpelnde Lastwagen und riesige Fabriken nicht mehr Insignien des sozialdemokratischen Wegs zum Paradies, sondern Pfuibäh. Identitätskrise! Eine Partei weiß nicht mehr, wofür sie steht.

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Was ich heute morgen getan habe

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T. streckte sich gähnend, als sein Blick auf die matt schimmernde Anzeige des Weckers fiel. »Verdammt, in einer Minute geht es los!«

Zu faul, um sich ins Wohnzimmer zu begeben und den Tischrechner anzuwerfen, schnappte er sich seinen Taschenkommunikator, ein Wunderwerk der Technik. Kleiner als eine Tafel Schokolade, aber Bildtelefon, Schnittstelle zu diversen globalen Kommunikationsdiensten und Spielkonsole zugleich. T. entschied sich, den historischen Augenblick mit Millionen anderer zu teilen. Mit einigen eingeübten Fingerbewegungen schaltete er den Taschenkommunikator auf einen Kanal, auf dem unter anderem ein schottischer Science-Fiction-Schriftsteller, der amerikanische Präsident sowie diverse Raumfahrtagenturen über das Ereignis berichteten.

Das graue Display des Funkweckers zeigte 07:29.

T. war es nicht genug, über das Ereignis zu lesen. Leider würde es keine Live-Bilder geben, aber zumindest den Ton aus dem Steuerungszentrum der amerikanischen Raumfahrtagentur wollte er hören. Dazu ergänzte er die Kanalwahl auf dem Taschenkommunikator durch einen Radiosender aus San Francisco, der den Ton aus dem Steuerungszentrum mit sphärischen Tönen unterlegte.

Jubel brandete auf. Das durch die Zeitverzögerung zum roten Planeten bedingte bange Warten hatte ein Ende. Das über die Marsorbiter weitergeleitetes Funksignal bestätigte es. Das komplizierte Landemanöver war erfolgreich gewesen!

Die Flugkapsel hatte sich erfolgreich von der Landeeinheit getrennt. Diese wurde durch die Reibung der dünnen Mars-Atmosphäre abgebremst, bis der größte Landefallschirm, der jemals eingesetzt worden war, ausgefalltet werden konnte. Der nächste Schritt des Manövers war der schwierigste, und er musste automatisch ausgelöst werden: Der Fallschirm wurde abgesprengt, die Landeeinheit schaltete auf Raketenantrieb um und schwebte nun über dem Gale-Krater.

Dann wurde der Himmelskran eingesetzt! An drei Kunstfaserseilen, wie in der Simulation millionenfach erprobt, wurde das Erkundungsfahrzeug – so groß und schwer wie ein kleines Auto – langsam herabgelassen. Auf seinen sechs Aluminiumrädern setzte es federnd auf. »Bodenkontakt bestätigt!«

Im Kurznachrichtendienst überschlugen sich die Beifallsbekundungen und ersten Kommentare. Jeder wollte berichten, wo er in diesem historischen Moment gewesen war. Und natürlich gab es – wie immer – Witzbolde, die ihre Scherze trieben, statt innezuhalten und diese technische Meisterleistung – für die die amerikanische Raumfahrtagentur über einen Zeitraum von acht Jahren das Bruttosozialprodukt Guayanas ausgegeben hatte – ehrfurchtsvoll zu bestaunen.

Wenig später waren dann auch die ersten verschwommenen Schwarzweißbilder durch die tiefdunkle Nacht des Sonnensystems geschickt worden. Auf seinem Taschenkommunikator konnte T. mit eigenen Augen sehen, was »Curiosity«, wie der Marsrobotor liebevoll genannt wurde, durch seine Sicherheitskameras aufgenommen hatte – einige Steine und seinen eigenen Schatten. Jetzt würde sich der Kamerakopf aufrichten und das Robotorfahrzeug der NASA seinen nuklearbetriebenen Laserarm ausfahren, um die ein Marsjahr dauernde planetare Erkundung zu beginnen.

Warum blogge ich das? Historisches Ereignis und so (auch wenn’s nicht die erste Landung eines Erkundungsroboters auf einem anderen Planeten ist).

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Der Fluss ohne Form. Eine Kritik der Liquid Culture Declaration

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River art I

Jörg Blumtritt, Benedikt Köhler und Sabria David haben vor einigen Wochen eine Erklärung abgegeben – die Declaration of Liquid Culture.

Dem Spiel mit dem Adjektiv liquid (flüssig, auch: liquide, zahlungsfähig; vielleicht auch sowas wie das neue open) entsprechend nehmen die AutorInnen als ihr Leitmotiv das Bild des Flusses der Geschichte, der jetzt – an den Marschlanden der Postmoderne vorbei – in die konturenlose offene See der Gegenwart fließt. Orientierung auf diesem Meer – im Zusammenhang mit dem Internet kein neues Bild (Bickenbach/Maye 1997) – geben nur noch die Sterne.
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Utopie, Realpolitik und lokale Maxima

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001011

Abstrakt betrachtet, geht es bei Politik darum, einen Zustand x so zu ändern, dass ein erwünschter Zustand x* erreicht wird, um damit ein Problem zu lösen.

Was erwünscht ist, und was nicht, lässt sich mit dem Bild des »politischen Kompasses« beschreiben. Also ein grundlegendes Wertesystem, oder, wenn ich hier schon mathematische Metaphern verwende, eine Funktion, die Auskunft darüber gibt, ob x* besser ist als x oder nicht. Oder noch genauer: eine Funktion, die Auskunft darüber gibt, welcher der Zustände x1, … xn als mögliche Lösung eines Problems am besten ist.

Kompliziert wird das durch mindestens vier Dinge:

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Kurz: Politische Scheidelinien, 2042

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Einer meiner SF-Lieblingsautoren, Charles Stross, bloggt gerne und ausführlich. Sein neuster Blogbeitrag dient letztlich dazu, die Frage zu stellen, wie sich die politischen Gewichte und Orientierungen in der nächsten Generation verschoben haben werden. Was vor hundert Jahren als randständige, radikale Meinung galt (z.B. das Frauenwahlrecht) ist heute Mainstream – und umgekehrt.

Ich finde das durchaus spannend, und greife deswegen Charles Stross Frage auf: Was werden in einer Generation, also z.B. im Jahr 2042, die großen Fragen sein, an denen sich die politischen Lager scheiden? Das würde ich gerne mit euch diskutieren.

Um das noch mit ein paar Daten auszuschmücken: Angela Merkel wäre dann 88 Jahre alt, Joschka Fischer 94 und Sigmar Gabriel 83. Selbst Cem Özdemir wäre bereits 77. Die deutsche Einheit ist dann über ein halbes Jahrhundert her, der Atomausstieg seit mehr als einer Dekade Realität, und die Terroranschläge vom 11. September 2011 2001 liegen für viele der 2042 politische Aktiven in einer Zeit vor ihrer Geburt. Die Piratenpartei – wenn es sie dann noch gibt – existiert seit 36 Jahren.

Woran und worin also unterscheiden sich – wenn es diese Achsen 2042 überhaupt noch gibt – dann rechts und links, liberal und konservativ? Welche heute radikalen Haltungen (spontan fällt mir das Grundeinkommen ein) sind 2042 im Mainstream angelangt, was von dem, was uns heute politisch selbstverständlich erscheint, wird dem »gesunden Menschenverstand« in einer Generation ganz komisch erscheinen? Bühne frei!

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