Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Kurz: Umweltsoziologie auf dem Jubiläumskongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Veröffentlicht unter Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , ,  

Im Herbst 2010 findet der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)* statt – in Frankfurt am Main. Warum das erwähnenswert ist? Weil die DGS 1910 gegründet wurde, es also der Kongress zum 100. Geburtstag der Fachgesellschaft ist. Der mit Frankfurt übrigens wieder an den Ort des ersten deutschen »Soziologentags« zurückkehrt.

Und warum das hier erwähnenswert ist? Weil ich für die Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie zusammen mit der Sektion Umweltsoziologie eine Sektionssitzung mit organisiere. Passend zum Kongressthema der transnationalen Vergesellschaftung haben wir diese Sitzung unter den Titel »Global denken, lokal handeln? Oder: Die Ungleichverteilung von Umweltrisiken in der Weltgesellschaft« gestellt. Eine weitere Sektionssitzung wird sich mit Interdisziplinarität in der Umweltsoziologie befassen.

Auf der DGS-Seite ist der Call for Papers leider noch nicht online. Dafür kann er hier (nach »weiterlesen«) angeschaut werden.

* Gelungenes Kongresslogo übrigens, finde ich.

Weiterlesen

Be the first to like.
Share


Köhler und der Doktortitel – oder: wissenschaftliche Praktiken und der Wunsch nach dem Skandal

Veröffentlicht unter Hochschulpolitik, Politik & Gesellschaft, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , ,  

Der neuen Familienministerin Kristina Köhler kann einiges vorgeworfen werden, insbesondere scheint sie sich, wenn es um Migration und um die Auseinandersetzung mit dem Islam geht, irgendwo am rechten Rand der CDU zu befinden. Aktuell jedoch geht es in der Debatte vor allem um den Doktortitel der jungen Ministerin. Zum Beispiel hier in der Frankfurter Rundschau. Ausgangspunkt dafür dürfte Kai Diekmann (BILD) sein – um Weihnachten gab es schon einmal Auseinandersetzungen zwischen Diekmann und Köhler, und jetzt ein Interview.

Kern des Ganzen scheint die – bezahlte – Beteiligung eines Assistenten von Köhlers Doktorvater an der Erstellung ihrer Arbeit zu sein. Was Weihnachten noch nach dem großen Skandal klang, wird nach Lesen des Interviews aber dann doch eher zu relativ normalen Prozessen und Praktiken empirischer Wissenschaft. Besagter Assistent hat Daten codiert und in SPSS eingegeben und das Inhaltsverzeichnis und die Formatierung der Dissertation bearbeitet.

Bei Diekmann heißt es dazu:

Nur formatieren, layouten, Datensätze nach ihren Vorgaben abtippen – das kann auch eine Sekretärin. Braucht man dazu einen top-ausgebildeten wissenschaftlichen Assistenten gerade seines Doktor-Vaters?

Interessant ist hier die Gegenüberstellung »Sekretärin« vs. »top-ausgebildeter wissenschaftlicher Assistent«. Meiner Erfahrung nach sind das – Codierung, Dateneingabe, Formatierungen – Dinge, die im wissenschaftlichen Alltag heute ziemlich selbstverständlich von – geprüften oder ungeprüften – »HiWis« erledigt werden. Und nicht von SekretärInnen. Dass das nicht unbedingt zur Qualifikation passt, ist ein Hinweis darauf, wie Wissenschaft heute bezahlt und bewertet wird, entspricht aber – wie gesagt, meinen Erfahrungen nach – durchaus dem Alltag wissenschaftlicher Arbeit. Und dass z.B. zwischen zwei Drittmittelprojekten ein wissenschaftlicher Mitarbeiter derartige Tätigkeiten übernimmt, ist so ungewöhnlich nun auch wieder nicht.

Mit diesem Wissen im Hintergrund reduziert sich der angebliche Skandal dann doch deutlich. Interessanter als die Frage, wer Fragebögen layoutet und eingetippt hat, und ob Köhler ihre Dissertation selbst formatiert hat, ist doch der Inhalt. Da kann ich aktuell nichts zu sagen, werde aber vielleicht mal reinschauen. Und mich dann noch einmal zu Wort melden.

Es kann also durchaus sein, dass das folgende Resümee zutrifft:

Und der Deutschlandfunk resümierte, Köhler habe »eine mustergültige Typ-II-Arbeit vorgelegt, also ein Werk, das weniger vom Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit, sondern mehr von dem Wunsch nach einem akademischen Titel geprägt ist«.

Für eine Arbeit, die neben einem Bundestagsmandat in kurzer Zeit entstanden ist, kann ich mir das gut vorstellen. Trotzdem – ein Skandal ist das nicht, auch nicht, wenn eine Bundesministerin daran beteiligt ist. Da gibt es genügend anderes.

Vielmehr stellt sich im Kontext dieser Debatte (auch im Hinblick auf die »gekauften Doktortitel«, die unlängst mal wieder gemeldet wurden) einmal mehr die Frage danach, wozu eigentlich der akademische Doktortitel existiert, und was eine Doktorarbeit ausmacht (und in welche Richtung der Bologna-Prozess hier geht).

Warum blogge ich das? Aus persönlichem Interesse an Promotionsprozessen, und weil ich es interessant finde, wie Skandale gemacht werden – und dabei die eigentlich skandalösen Politiken ausgeblendet werden.

2 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share


Lautes Nachdenken über den Wandel vom technikscheuen zum technikaffinen Ökolebensstil

Veröffentlicht unter Nachhaltiges Leben, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , ,  

Mobile Sunsail

Wissenschaftlich beschäftige ich mich ja u.a. mit dem Technikgebrauch in Nachhaltigkeitsmilieus. Eine Frage, die mich dabei immer noch vor Rätsel stellt (bzw. mich motiviert …), ist der (scheinbare?) Wandel der prinzipiellen Haltung zu Technik bei »Ökos«.

Eike Wenzel schreibt dazu:

Neo-Ökos sind technikaffin

Ich habe in den Jahren 2002 und 2003 am Zukunftsinstitut damit begonnen, über diese »neuen Ökos« zu forschen. Was uns damals beschäftigte, war ein Wertewandel, der sich auf vielen Märkten und auf vielen gesellschaftlichen Ebenen festmachen ließ: Menschen bewegten sich aus ideologischen Nischen und Milieus heraus. Spätestens Ende der 1990er Jahre konnte die Frage, was ist politisch links und was ist rechts nicht mehr beantwortet werden. Die Menschen ließen sich nicht mehr in Milieus festschreiben, sie brachten dafür aber eine starke Sehnsucht nach verlässlichen Werten zum Ausdruck. Auffällig war auch, dass die neuen Ökos Technik anziehend finden und es nicht – wie die Altökos aus den Bürgerbewegungen der 1980er Jahre – zu Teufelszeug und Anti-Natur erklärten.

Wenzel stellt das hier als Tatsache dar; auch die mir zugänglichen Marktforschungsstudien (z.B. »Typologie der Wünsche«) bestätigen, dass beispielsweise Oft-KäuferInnen von Produkten mit Öko-Labels eine positivere Haltung zu Technik haben als Nicht-KäuferInnen. Trotzdem finde ich diesen Wandel sehr überraschend. Und habe eine Reihe von Thesen/Fragen dazu:

  1. Stimmt der berichtete Wandel in der Haltung zu Technik? Damit verbunden z.B.:
    • Lassen sich »Ökos« 1975 und »Ökos« heute überhaupt sinnvoll vergleichen?
    • Sind dass die (im Kern) gleichen Menschen, die ihre Einstellung geändert haben?
    • Oder sind es zwei ganz disparate Gruppen?
    • Was ist machen die 1975er-Ökos dann heute?
  2. Wie war die Haltung in den 1970er / 1980er Jahren zu Technik?
    • Stimmt das überkommende Klischee der »Technikfeinde«? (vgl. Huber 1989/Technikbilder)
    • Lässt sich das auf Technik allgemein übertragen, geht’s nur um »technische Rationalität«, oder um ganz bestimmte Technologien?
    • Wie passt die »approriate technology«-Bewegung in dieses Bild? (Z.B. die Aneignung/Erfindung von Windrad und Sonnenkollektor …)
  3. Wie sieht es heute aus?
    • Gibt es milieu-einheitliche Technikhaltungen?
    • Oder sind Technikstile tatsächlich domänenspezifisch und nicht auf Lebensstile zurechenbar?
    • Sind die »Ökos« tatsächlich so technikfreundlich, wie das in der Marktforschung aussieht – oder geht’s wieder nur um bestimmte Technologien?
    • Oder muss zwischen »Ökos« und »Ökos« (aka LOHAS) unterschieden werden?
  4. Und wenn es tatsächlich einen Wandel in der Haltung zu Technik gab (Bsp.: Fritz Kuhn 1984 vehement gegen die Überwachungstechnologie und Arbeitsvernichtungstechnologie ISDN – heute positioniert sich die grüne Fraktion ganz anders) – woran lag’s?
    • Tatsächlich ein Prozess des Wertewandels – und wenn ja, warum (z.B. Abbau kognitiver Dissonanzen zwischen Techniknutzungspraktiken und Einstellung – also Technikaffinität wieder besseren Wissens; oder unterschiedliche Aneignungspraktiken)?
    • Ausdifferenzierung verschiedener Sichten auf verschiedene Technologien?
    • Demokratischere und »bessere« Technik (z.B. PC als verteilte Machtressource; vgl. auch die von Wenzel zitierten Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Counterculture und Cyberculture)?
    • »Verbürgerlichung« und »Entidealisierung«/«Entideologisierung« des Milieus?
    • Beobachten wir einen laufenden Kampf um diskursive Positionierungen?

Solche und ähnliche Fragen schwirren mir gerade im Kopf rum. Wenn jemand was dazu sagen möchte, egal ob Alltagsbeobachtung, Meinung oder Hinweis auf wissenschaftliche Literatur – ich nehme das gerne auf und freue mich auf eine Diskussion dazu.

Warum blogge ich das? In der Hoffnung auf crowdsourcing und um die Chance zum lauten Nachdenken zu nutzen.

Nachtrag: Oder etwas zugespitzer (und vielleicht diskussionsanregender): Waren bzw. sind »Ökos« skeptisch bezüglich (neuer) Technologie? Und warum?

Nachtrag 2: Falls jemand Ideen zu Zeitreihendaten hat, die sowohl Umwelthandeln/Umwelteinstellungen oder Indikatoren für Milieuzugehörigkeit als auch Einstellungen zu Technik in über die letzten 30 Jahre vergleichbarer Form hätten, nehme ich Hinweise gerne entgegen!

3 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share


Einige Überlegungen anlässlich des Workshops »Nachhaltige Hochschulen«

Veröffentlicht unter Hochschulpolitik, Nachhaltiges Leben, Politik & Gesellschaft, Wissenschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , ,  

GesternVor einem Jahr fand in Berlin eine gemeinsame Tagung von Heinrich-Böll-Stiftung und CampusGrün zur Zukunft der Hochschulen statt. Dieser Frage wurde in unterschiedlichen Workshops nachgegangen; ich war damals gebeten worden, einen Workshop »Nachhaltige Hochschulen« vorzubereiten und zu leiten. Mit dem konkreten Workshopergebnis bin ich ganz zufrieden. Weil das Thema aber ja vielleicht auch Menschen außerhalb der grünen Hochschulgruppenszene interessiert, hier die Folien meines Inputs (bei Slideshare) sowie ein paar Worte dazu.
Weiterlesen

3 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share


Ein Versuch über Wikipedia

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Die treibende Kraft hinter der Wikipedia: »someone is wrong on the internet« (xkcd, Lizenz)

Be bold! Mach’s einfach, wenn du etwas ändern willst. Was mich von Anbeginn an an der Wikipedia fasziniert hat, war dieser grundsätzliche Imperativ. Den meisten ist wahrscheinlich der »Neutral Point of View« wichtiger, oder das kollaborative Prinzip, oder die enzyklopädische Qualität. Aber was mich lange Jahre dazu gebracht hat, viele Abende und Stunden in das Schreiben von Einträgen, in Editwars, aber mehr noch in lange Debatten um die sprichwörtliche Kommasetzung zu investieren, war wohl dieser Imperativ.

Der hat natürlich zunächst etwas sehr amerikanisches: Wenn du was ändern willst an der Welt, dann tue es einfach, nimm’s selbst in die Hand! Oder auch was von Pippi Langstrumpf: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Faszination strahlte das »Be bold!« aber vor allem deswegen auf mich aus, weil sich ein riesiges Projekt mit vielen tausend MitstreiterInnen scheinbar allein an diesem – darf ich das Adjektiv verwenden – anarchistischen Grundsatz kristallisieren konnte. Natürlich ist das verkürzt, natürlich gab es auch von Anfang an andere Regeln (den wissensphilosophisch fragwürdigen neutralen Standpunkt, beispielsweise), und natürlich gab es das Gottkönigtum von Jimbo Wales als Letztinstanz. Trotzdem: der Geist, den ich mit der Wikipedia verbinde – seit 2002 war ich an der englischsprachigen Wikipedia beteiligt – lässt sich am ehesten in diesem »Be bold!« zusammenfassen – immer zusammengedacht mit einer von mir als angelsächsisch empfundenen, stark deliberativ-diskursiven Atmosphäre des Problemlösens durch Kommunikation auf Augenhöhe. Im schlimmsten Fall dann ein »agree to disagree«.
Weiterlesen

15 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share


Seite 9/25    1 2 3 4  … 7 8 9 10 11  … 22 23 24 25