Archiv der Kategorie: Gestaltungsfragen

Kurz: Gib mir nur ein Wort

Veröffentlicht unter Distinktion & Ästhetik, Politik und Gesellschaft, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , ,  

2017 hoffnung

Manchmal hilft es, Dinge maximal zu minimieren, um eine Aussage über deren Kern zu finden. Beispielsweise plakatierte die FDP auf ihrem Dreikönigstreffen »Du« (und meinte damit »Ich«). Die SPD warb vor einigen Jahren mit »Wir«. Und 2011 war der grüne Slogan in Baden-Württemberg ein so schlichtes wie passendes »Jetzt!«.

In diesem Sinn überlegte ich vor einigen Tagen, welches Wort im Kontext der anstehenden Bundestagswahl Bündnis 90/Die Grünen auf einen Punkt bringen könnte. Also ein Wort, dass das Wesen der heutigen Grünen möglichst genau beschreibt. Ich kam auf »Hoffnung« – aber vielleicht geht es ja noch präziser.

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Kurz: Der Katalog als Zeitgeistmarker

Veröffentlicht unter Distinktion & Ästhetik | Verschlagwortet mit , , , , ,  

IKEA ist so ein globaler Konzern, der Möbel verkauft. Naja, eigentlich verkauft der Konzern eher ein Image als Möbel. Und das Image hat nicht unbedingt viel mit der Realität zu tun, befürchte ich.

Was für ein Image? So eine hübsche skandinavisch-aufgeräumte Kuscheligkeit, in der kleine Wohnungen kein Problem, sondern eine mit Bravour meisterbare Stilherausforderung sind, in der multikulturell zusammengesetzte Patchwork-Familien-WG-Freundeskreise an hübsch dekorierten/improvisierten Tischen sitzen, mit Kindern irgendwo zwischen niedlich und frech, gerne auch mal kopfüber. Bisschen Grünzeug, bisschen Altbau, bisschen Post-Hippie-Bürgertum, bisschen Literatur im Regal, bisschen künstlerisch wertvolles Provisorium. Noch ein Hauch Nachhaltigkeitsgefühl und eine Prise globale Fairness dazu, fertig, trifft und passt. Werbung halt.

Dass die jährlichen, weltweit ähnlichen IKEA-Kataloge genau dieses Image verkaufen – genau das macht sie ja überhaupt erst ersehnenswert, jedenfalls interessanter als all das, was irgendwelche andere Möbelhäuser sich ausdenken, um ihren Kruscht zu bepreisen. Weswegen ich es etwas schade finde, dass der diesjährige Katalog sich wohl von dem neuen »Keine Werbung«-Schild am Briefkasten hat abschrecken lassen hat. Und wenig Verständnis für irgendwelche in der ZEIT erschienenen Verrisse habe.

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Photo of the week: New finish, finished

Veröffentlicht unter Distinktion & Ästhetik, Photo of the week | Verschlagwortet mit , ,  
New finish, finished

 
Ich mag es ja, wenn das Licht durch die halb geschlossenen Jalousien Schattenmuster auf die Möbel wirft. Zum Beispiel auf diesen Stuhl, der einige Jahrzehnte alt und endlich wieder frisch – wenn auch nicht ganz professionell – gestrichen und mit neuer Sitzfläche an meinem Esstisch steht. Ein Großeltern-Erinnerungsstück.

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Kurz: Tief durchdachte Kunst

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Distinktion & Ästhetik, Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Deep Art - BeispielIch bin durchaus beeindruckt davon, was DeepArt.io kann. DeepArt.io ist ein aus Forschungen der Uni Tübingen, der ETH Lausanne und der Katholischen Universität Löwen hervorgegangenes Projekt, das tiefe neuronale Netzwerke zur Bilderkennung verwendet. (Ja, das geht in eine ähnliche Richtung wie das, was Google mit Deep Learning und TensorFlow macht).

Wie gut die kommerziellen Angebote von DeepArt.io funktionieren, habe ich nicht ausprobiert. Für hochauflösende Bilder, Drucke oder Leinwände muss gezahlt werden – oder auch dafür, die heute im Schnitt 50 Minuten dauernde Warteschlange zu umgehen. Ich habe aber mit einigen Fotos herumprobiert, und als »Style« Gemälde von mir verwendet. Das funktioniert erstaunlich gut, solange es eine gewisse Übereinstimmung zwischen dem neuen Bildmotiv und der Stilvorlage gibt. Wenn also, wie links, beides eher in Richtung Landschaft/Gebäude geht, oder wenn beides ein Porträt ist. Soweit, einen Stil völlig vom Motiv zu abstrahieren, ist DeepArt.io noch nicht – aber um aus einem Gemälde eine ganze Reihe in einem ähnlichen Stil gehaltener »Fälschungen« ähnlicher Motive zu machen, dafür eignet sich das Programm sehr gut. Spaßeshalber habe ich auch einmal ausprobiert, was passiert, wenn Motiv und Style beides Fotos sind – also z.B. ein Foto von Kindern und ein Foto von Blüten. Technisch kommt DeepArt.io damit natürlich klar. Das Ergebnis ist dann allerdings weniger überzeugend, sondern sieht mehr wie eine etwas daneben gegangene Doppelbelichtung aus.

Auch aktuelle Bildbearbeitungssoftware hat Funktionen, die durch die algorithmische Filterung von Bildern Effekte erzeugen sollen, die nach Ölgemälde oder Bleistiftskizze aussehen sollen. Das funktioniert halbwegs gut, aber längst nicht so überzeugend wie die Kunstkopien, die DeepArt.io liefert. Was die Frage aufwirft, was eigentlich einen künstlerischen Stil ausmacht, wie dieser (bei Menschen) erlernt, verfestigt und reproduziert wird, und wie einmalig große Kunstwerke noch sind, wenn nicht nur Fälscher*innen in mühseliger Kleinarbeit, sondern auch Software in wenigen Minuten neue Bilder im selben Stil produzieren kann (und wem der abstrahierte Stil eines Künstlers oder einer Künstlerin eigentlich gehört …). Das Kunstwerk in den Zeiten der digitalen Reproduzierbarkeit betrifft eben nicht mehr nur die 1:1-Kopie in glänzenden Bits, sondern inzwischen auch das algorithmische Imitat eines bestimmten Stils. Tiefe Fragen, die angewandte KI hier aufwirft. (Vgl. auch Visual Turing Test, Bericht der SZ dazu vom Februar).

Be the first to like.


Kurz: Science Fiction weiterhin weltoffen

Veröffentlicht unter Distinktion & Ästhetik, Lesenswert, Politik und Gesellschaft, Zukunftsvisionen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , ,  

Im April schrieb ich über den Kulturkampf um das imaginäre Land – den Versuch diverser Rechtsaußengruppierungen (»Sad Puppies«, »Rabid Puppies«), das Science-Fiction-Fandom zu übernehmen, und insbesondere die »Hugo Awards« für sich zu erobern. Dazu wurden gesammelt Stimmen für die Nominierungen für diese Preise abgegeben (um die 200 Stimmen reichten oft schon, um auf die vorderen Plätze zu kommen), so dass in vielen Preiskategorien nur oder fast nur VertreterInnen der »Puppies« zur Wahl standen. Seitdem ist einiges passiert. Es wurde mobilisiert, einige von den »Puppies« Nominierte wollten damit nichts zu tun haben, und zogen zurück, andere Vorschläge waren aus formalen Gründen nicht wählbar. Trotzdem dominierten bei den Nominierungen in vielen Kategorien zunächst die »Puppy«-Nennungen.

Gestern abend (Ortszeit) wurden nun auf der WorldCon die Ergebnisse bekanntgegeben. Und es zeigt sich: die überwältigende Mehrheit der knapp 6000 abstimmenden SF-Fans begeistert sich für gut erzählte Science Fiction und ist dabei weltoffen und liberal. Nur etwa 10 % der Stimmen [andere Quellen sagen: max. ein Drittel …] kamen von AnhängerInnen der »Puppies«. Letztlich konnte sich in keiner Kategorie ein originärer »Puppy«-Vorschlag durchsetzen. Dafür wurde fünfmal – so oft wie nie zuvor – »No Award« (kein Preis) auf Platz 1 gewählt, der Hugo in der jeweiligen Kategorie also nicht vergeben. Beim besten Roman hat Liu Cixins The Three-Body Problem knapp vor Katherin Addisons The Goblin Emperor gewonnen – 200 Stimmen Unterschied. Beides sind auf jeden Fall lesenswert und zeigen die ganze Bandbreite zeitgenössischer Science Fiction & Fantasy; ein lebendiges Genre!

Insgesamt ist die diesjährige Hugo-Verleihung glimpflich* ausgegangen. Ich rechne damit, dass die »Puppies« sich nicht davon abhalten lassen, auch im nächsten Jahr zu versuchen, »ihre« Champions konzertiert zu nominieren. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass der Nominierungsprozess größere Aufmerksamkeit als bisher erfahren wird. 2014 haben sich in den großen Kategorien knapp 2000 Personen daran beteiligt, bei kleineren (»Best Fan Writer« etc.) waren es einige Hundert. Diese Zahlen dürften zunehmen; ich gehe auch davon aus, dass es regelrechte »Nominierungskampagnen« geben wird, um den einen oder anderen guten Roman oder die eine oder andere gute SF-Geschichte auf den Hugo-Stimmzettel zu bringen – sofern das Nominierungsverfahren nicht geändert wird. Nebenbei zeigen die Hugos, dass ein Präferenzwahlverfahren gut funktionieren kann.

* Glimpflich, weil ohne die Puppy-Kampagne eine ganze Reihe spannender Leute und Geschichten zur Abstimmung gestanden wären.

P.S.: WIRED berichtet in einer ausführlichen Reportage über die ganze Sache.

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Seite 1/18    1 2 3 4  …  18