Archiv der Kategorie: Politik und Gesellschaft

Photo of the week: Seenotrettung ist kein Verbrechen VIII

Seenotrettung ist kein Verbrechen VIII

 
Nachdem ich im Juli schon einmal ein Foto von einer Demo der #seebrücke in Freiburg gepostet habe, folgt hier ein Bild von der heutigen Demonstration. Leider sind die Zeiten so.

Erneut waren es etwa 2000 Leuten, bunt gemischt, von der antikapitalistischen Antifa bis hin zu engagierten Bürger*innen. Auch der neue Oberbürgermeister Martin Horn war mit einem Grußwort dabei – empathisch, solidarisch, aber leider nicht wirklich sehr konkret, was die Handlungsmöglichkeiten der Stadt anbelangt. Da geht noch mehr. Seenotrettung ist kein Verbrechen, sondern nach wie vor ein Gebot der Humanität. Wer Umfragen glaubt: nicht nur in Freiburg ist das auch das, was die große Mehrzahl der Menschen hier im Land denkt.

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Lexikonwissen

Ich mag ja Lexika. Als Jugendlicher stand die grünen Taschenbücher des rororo Lexikon in neun Bänden meiner Eltern in meinem Zimmer. Das muss damals – in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre – auch schon nicht mehr ganz taufrisch gewesen sein; im Netz finde ich v.a. eine Ausgabe von 1966; vielleicht war die, die wir hatten, aber auch etwas später erschienen. Und ich gebe es zu: ich habe das durchaus auch mal von A bis Z durchgelesen. Besonders spannend fand ich die Bildtafeln – ich erinnere mich an Vögel, Pflanzen, Trachten. Inzwischen gibt es für sowas ja die Wikipedia. Die hat den Nachteil, a. sich nicht von vorne bis hinten durchlesen zu lassen, und b. jedes Nachschlagen mit der Nutzung eines elektronischen Geräts zu verbinden, was dann möglicherweise zu internet- oder wikipediaspezifischen Ablenkungseffekten (Link, Link, Link … ganz woanders ankommen) führt.

Jedenfalls habe ich deswegen, vor allem auch mit Blick auf meine Kinder, vor ein paar Tagen ein kompaktes Lexikon gekauft. Die Auswahl fiel auf das Große Buch des Allgemeinwissens der Duden-Reaktion (aus dem Jahr 2015, das war auch mehr oder weniger das neuste der Kompaktlexika, die ich im Netz gefunden habe). Jetzt haben wir das Buch mal durchgeblättert, und ich bin nur so halbzufrieden. Das hat drei Gründe.

Der erste ist lexikoninhärent: die Einträge sind sehr knapp, gerade im Vergleich mit dem, was die Wikipedia liefert, und teilweise sehr verkürzt formuliert. Das erschwert das Verständnis bei meiner eigentlich recht klugen zwölfjährigen Tochter. Eine auf ein paar Sätze reduzierte Darstellung etwa des »Camp-David-Abkommens« setzt jede Menge Vorwissen voraus, um verstanden zu werden.

Und die Form der Behandlung ist noch nicht einmal konsistent: zu »Bayern« oder »Hessen« gibt es mehrere Absätze, »Baden-Württemberg« taucht einmal unter Politik und einmal unter Geografie auf, in beiden Fällen extrem knapp; »Baden« oder »Württemberg« fehlen ganz. Es findet sich auch ein Eintrag zum »Herr der Ringe« – ein Fantasybuch von Tolkien, in dem es um Gut gegen Böse geht, und dass sich dadurch auszeichnet, dass für die dort drin vorkommenden Hobbits eine eigene Sprache entwickelt wurde. Das stimmt … so halb.

Der zweite Grund für die mangelnde Zufriedenheit ist der Kanoneffekt. Das für die Allgemeinbildung relevant gehaltene Wissen (übrigens inkl. eines eigenen Unterkapitels zur Bibel! – liegt vielleicht am im Impressum erwähnten US-Vorbild) wirkt auf mich erstaunlich altmodisch. Bei historischen Themen oder Naturgesetzen ist es nicht verwunderlich, dass ähnliches in einem Buch aus dem Jahr 2015 und meiner Erinnerung an das Jugendlexikon aus den 1980er Jahren steht. Aber irgendwie hört es da auch auf: die jüngsten Autor*innen im Literaturkapitel scheinen mir die großen Figuren der Nachkriegsliteratur zu sein, Gruppe 47, Böll, etc. – als ob da nach 1970 nicht mehr viel passiert wäre. »Romeo und Julia« haben ebenso wie diverse Operetten eigene Einträge, »Star Wars« oder »Star Trek« nicht. Im Kapitel zu Philosophie, Anthropologie, Soziologie tauchen natürlich Adorno, Durkheim, Habermas und Luhmann auf. Latour oder Intersektionalität dagegen nicht. Und bei Naturwissenschaft und Technik begegnen mir Begriffe wie »Chaos-Theorie«, »Fuzzy-Logik«, »fraktale Geometrie«, die in den 1990er Jahren mal hip waren. »CRISPR« fehlt dagegen, war 2015 vielleicht auch noch nicht absehbar. Im Technikkapitel führen die Erklärungen zu »Mobiltelefon«, »Laptop« und »WWW« zum Schmunzeln.

Und drittens ist es nicht nur der sedimentierte Wissensbestand, der ein solches Lexikon suboptimal erscheinen lässt: in der Knappheit und Themenauswahl vermittelt das Buch ein bestimmtes Weltbild. Beispielsweise wird der Begriff »Indianer« nicht problematisiert, sondern völlig selbstverständlich verwendet. Dagegen steht selbst in der – diesbezüglich auch eher konservativen – Wikipedia im Eintrag Indianer auch eine ausführliche Darstellung, warum eine solche Gruppenbezeichnung aus heutiger Sicht schwierig ist.

Im Endeffekt ist ein kompaktes Lexikon ein Kompromiss. So richtig aktuell kann es nicht sein, und auch mein Jugendlexikon aus den 1960ern oder 1970ern war vermutlich wohl mit Weltdeutungen, die aus heutiger Sicht seltsam erscheinen würden. Was funktioniert: das Kind findet es interessant und blättert darin herum. Richtig hilfreich werden die Einträge aber erst, wenn darüber gesprochen, sie kontextualisiert und mit Hintergrundwissen versehen werden …

Warum blogge ich das? Weil es hier wohl leider keine perfekte Lösung gibt.

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Die Welt im Jahr 2020

New York LVII (Times Square)

Die Zukunft vorherzusagen, ist bekanntermaßen schwierig. Das gilt umso mehr, wenn es um die ferne Zukunft geht. Dagegen lassen sich über die nahe Zukunft – also zum Beispiel das Jahr 2020 – recht zuverlässige Aussagen treffen. Mal abgesehen von dem Fall, dass ein unvorhersehbares Ereignis eintritt – schwarze Schwäne mit Gischt und Verwirbelung. (Es gab eine Zeit, in der die Zahl 2020 mal für die richtig weit in der Zukunft liegende Zukunft stand. Aber hey – heute sind das weniger als eineinhalb Jahre.)

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Kurz: Kategorienfehler

In den letzten Tagen ist oft von Auseinandersetzungen zwischen Links und Rechts zu lesen. Das suggeriert eine in Links – Mitte – Rechts aufgeteilte Gesellschaft, mit einer Mitte, die dieses ganze Theater gar nichts angeht. Das ist aber ein krasser Kategorienfehler. 80 Prozent der Menschen in Deutschland stehen zum Grundgesetz und zu einer Werthaltung, die nicht wörtlich im Grundgesetz steht, die aber viel mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Dazu gehört eine besondere weltpolitische Verantwortung Deutschlands, dazu gehört der Wert der Solidarität, und dazu gehört es auch, Menschen, die verfolgt werden, Schutz zu bieten. Wenn der Begriff nicht so kaputt wäre, könnte diese Werthaltung auch als Leitkultur bezeichnet werden.

Eine kleine, radikale Minderheit versucht, diesen Konsens zu zerstören. Weil diese kleine, radikale Minderheit dafür keine Mehrheiten hat, greift sie zum Baukasten der Propaganda. Sie stilisiert sich selbst als Opfer. Sie behauptet, für eine schweigende Mehrheit zu sprechen. Sie versucht, ihre Position als normal darzustellen. Sie sucht Anlässe, um ihre Ideologie medial wirksam ausbreiten zu können. Chemnitz ist nur ein Beispiel für dieses Vorgehen. Diskurse, Wahrheit, Fakten – das ist dieser kleinen, radikalen Minderheit egal. Ihr Ziel ist der Bruch mit der historischen Verantwortung Deutschlands. Wenn diese kleine, radikale Minderheit vom Systemwechsel spricht, dann greift sie damit Demokratie, Pressefreiheit und Toleranz an.

Das fiese an dieser Situation ist, dass diese Strategie des Rechtsrucks zu verfangen scheint. Der Verfassungsschutz wird seiner Aufgabe nicht gerecht. Der Opfer-Diskurs scheint für Menschen anschlußfähig zu sein, die sich selbst als Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung sehen. Medien orientieren sich an Ausgewogenheit und an Neuigkeitswerten und präsentieren die Positionen dieser kleinen, radikalen Minderheit als »die eine Seite«, der »die andere Seite« gegenüber gesetzt werden muss. Soziale Medien katalysieren alles, was Aufmerksamkeit erregt, und hetzen damit die Stimmung an. Und manchen Propagandist*innen aus der großen Mehrheit scheint es ganz recht zu sein, mit dem rechten Feuer zu spielen, in der Hoffnung, selbst davon zu profitieren. Wir haben ein Problem. Daher mache ich mir Sorgen um den historischen Konsens in diesem Land – und hoffe, dass eine Bewegung wie #wirsindmehr einen Beitrag dazu leistet, Solidarität, Freiheit, Demokratie und Verantwortung als unsere Werthaltung zu schützen.

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Kurz: Ein wenig Hoffnung …

… gibt das schon, dass es in vielen Städten spontan Seebrücke-Kundgebungen und Demos gab. Dass drei Viertel der Deutschen die Seenotrettung unterstützen. Oder dass heute über 20.000 Menschen in München gegen die Politik der CSU auf die Straße gegangen sind. Mehr davon, bitte!

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