Kurz: Wie Klima und Freiheit zusammenhängen

Vermeintlich witzig beendet Jasper von Altenbockum eine FAZ-Kolumne heute mit dem Poesiealbumsspruch, ihm seien zwei Grad höhere Temperaturen lieber als zwei Grad weniger Freiheit. Diese Haltung ist so ärgerlich wie aufschlussreich, liegen ihr doch zwei Irrtümer zu Grunde. Erstens scheint Herr von Altenbockum anzunehmen, zwei Grad höhere Durchschnittstemperaturen seien schon nicht so schlimm. Vielleicht fehlt ihm das Wissen oder das Vertrauen in die Wissenschaft. Vielleicht hat er sich nie mit Kipppunkten, Extremwetterereignissen, mit steigenden Meeresspiegeln oder mit den Auswirkungen »leicht« steigender Temperaturen auf menschliche Gesundheit oder auf die biologische Vielfalt befasst. Oder, noch schlimmer: vielleicht hat er schon einmal davon gehört, hält das aber für – neues konservatives Lieblingswort – »klimareligiöse« Spinnereien und nicht für den Stand der Wissenschaft.

Jedenfalls scheint mir das der erste Fehler zu sein: ein fehlendes Bewusstsein für due existenzielle Dringlichkeit der Klimakrise. Ein Temperaturanstieg um zwei Grad ist ein Problem – und selbst um diesen zu erreichen, sind heute dramatische Maßnahmen notwendig. Vor zehn oder zwanzig Jahren wäre es noch möglich gewesen, das ganze nicht im Krisenmodus anzugehen. Statt dessen ist viel zu wenig passiert, die CO2-Werte im der Atmosphäre sind auf Rekordstand, und das noch verbleibende Treibhausgasbudget pro Jahr reduziert sich rapide.

Damit sind wir beim zweiten Fehler des Herrn Altenbockum. Selbst für seine Generation dürfte ein Nichthandeln beim Klimaschutz sehr schnell zu massiven Einschränkungen seiner Freiheit führen. Nicht im Sinne eines Gefängnisses, aber in dem Sinne, dass unser Handeln ja immer eine materielle Grundlage hat. Irgendetwas aus – sagen wir einmal – unbewohnbar werdenden Urlaubsgebieten, landeirtschaftlichen Dürren mit erheblichen Ernteeinbußen, sinkenden Immobilienwerten an Küsten und im Sommer schmelzendem Asphalt auf Autobahnen dürfte selbst Herr von Altenbockum als Reduzierung an Freiheit wahrnehmen. Und ich meine das nicht apokalyptisch – das ist schlicht die Extrapolation dessen, was Treibhausgasemissionen und Klimakurven unterm Strich bedeuten. Entsprechend heftiger sieht das aus, wenn es um die Freiheit der Fridays-for-Future-Generation geht. Die wird, wenn nicht jetzt entschlossen gehandelt wird, deutlich kleiner sein als unsere Freiheitsgrade heute. Und deswegen ist es reichlich zynisch, zu glauben, die Abwägung läge zwischen Freiheit heute und Klimaschutz. Nein: es geht darum, unser Handeln und Wirtschaften – zum Beispiel mit Hilfe eines realistischen CO2-Preises – heute so zu gestalten, dass es morgen noch Freiheit geben kann!

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