Wieso ich Facebook (noch) nutze

Frosted net

#deletefacebook ist der Hashtag der Saison, und ich gebe es zu: auch ich habe darüber nachgedacht – und mich vorerst dagegen entschieden, meinen Facebook-Account stillzulegen oder zu löschen.

Ich habe das aber zum Anlass genommen, mal darüber nachzudenken, wie ich eigentlich Facebook nutze. Dabei komme ich auf vier bis fünf für mich zentrale Funktionalitäten:

  • Selbstdarstellung: meine Tweets und Blogbeiträge erscheinen automatisch auch in meinem Facebook-Account, ab und zu poste ich auch Fotos oder Links direkt dort. Ich erreiche hier teilweise andere Leute als auf Twitter, und …
  • Diskussion: … anders als auf Twitter, und anders als im Kommentarbereich meines Blogs, schafft es der eine oder andere Beitrag sogar, weiterführende DIskussionen auszulösen. Vielleicht habe ich einfach Glück, aber es gibt doch immer wieder Debatten unter Beiträgen (meinen eigenen und auch anderen in meinem Feed), unter denen engagiert, kompetent und höflich diskutiert wird.
  • Politik: Das betrifft insbesondere auch »politische« Statements. Und gleichzeitig ist Facebook – teilweise kann Twitter das auch – für mich ein Medium, um mitzukriegen, was in meinem politischen Umfeld diskutiert wird. Ich folge beispielsweise vielen Menschen, die im Bundestag sitzen, oder dort arbeiten, und das hilft, um »nebenbei« wahrzunehmen, wohin sich der politische Diskurs bewegt.
  • Politik und DIskussion in Gruppen: Als 2009 das grüne Wurzelwerk eingeführt wurde, war dies auch ein Versuch, einen virtuellen Ort für die innerparteiliche DIskussion zu schaffen. Dafür nutze ich jedenfalls das Wurzelwerk nicht, und ich habe den Eindruck, dass ich nicht der einzige bin. Inzwischen hat sich auch die parteiinterne Deutung verschoben – es wird jetzt eher als »Wissenswerk« denn als Diskussionsplattform beschrieben, und das passt ganz gut. Das heißt aber nicht, dass keine »computergestützte« innerparteiliche Diskussion stattfinden – nur halt nicht im Wurzelwerk, sondern neben einigen älteren Mailinglisten v.a. auch in Facebook-Gruppen.
  • Lose Kontakte: Wenn ich nur politischen Bekanntschaften folgen würde, könnte ich auf Facebook verzichten. Gleichzeitig ist es für mich aber auch ein Mittel, um lose Kontakte aufrecht zu erhalten, aus Schule und Studium, aber auch aus der Nachbarschaft.

Das mit dem osmotischen Ohr am politischen Diskurs (und auch das Mitkriegen von »News«) würde vermutlich auch ohne Facebook halbwegs gut funktionieren, das hat damit zu tun, das in Deutschland Twitter wohl weiterhin ein Medium der Journalist*inne und Politiknerds ist. Hier könnte ich also auf Facebook verzichten. Aber auch da gilt: Diskussionen auf Twitter sind durch die ansonsten durchaus sinnvollen Grenzen des Mediums schwierig, sie funktionieren auf Facebook deutlich besser.

Und um auf Facebook sichtbar zu rein, würde es reichen, einen minimalen Account dort zu unterhalten: ohne eigene Aktivitäten, nur mit automatischen Feeds. Dann aber auch ohne Diskussion, in der ich nach wie vor einen Mehrwert sehe.

(Darin liegt, umgedreht betrachtet, natürlich auch einer der Erfolgsfaktoren Facebooks: positive soziale Interaktion, das heißt zugespitzt: Wahrnehmung der Fremdwahrnehmung des eigenen Wirkens, scheint etwas zu sein, für das Menschen einiges in Kauf nehmen …)

Bleiben die losen Kontakte. Ich vermute, dass ich hier deutlich hinter der Kurve liege und sich diese Form der Kontaktaufrechterhaltung mehr und mehr zur Facebook-Tochter Whatsapp verlagert. Auch die letzten Änderungen am Algorithmus von Facebook sind hier eher negativ in ihren Auswirkungen. Trotzdem: eine wirklich zentrale Funktionalität von Facebook ist für mich nach wie vor das relativ einfache »Kontakthalten« zu entfernteren Bekannten. Gerade als tendenziell eher introvertierter Mensch empfinde ich das als hilfreich. Hier ließe sich jetzt darauf verweisen, dass das selbstverständlich auch vor Facebook möglich war – Adressbücher pflegen, Briefe schreiben, E-Mail-Rundbriefe und so weiter. Wenn ich aber vergleiche, was ich z.B. von Leuten aus meiner Schulklasse mitkriege, die bei Facebook sind, und was von denen, die dort nicht aktiv sind, dann erkenne ich da – mag bei anderen anders sein – doch einen deutlichen Unterschied. Und derzeit ist es eben vor allem Facebook, wo alle sind.

Warum nicht Whatsapp? Ich nutze das bisher nur sehr begrenzt, und mit abgeschalteten akustischen Benachrichtigungen, sehe aber, das weite Kreise inzwischen vornehmlich über Whatsapp kommunizieren. Mich stört daran »noch ein Dienst«, die Bindung an Mobiltelefone und die, hm, Suggestion emotionaler Nähe. Twitter ist Öffentlichkeit, Facebook tendenziell auch, das ist bei Whatsapp anders, das ganze Setting suggeriert Geschlossenheit und nicht den offenen politischen Raum, in dem auch Gegensätzliches argumentativ aufeinander treffen kann.

(Alternative Möglichkeit: der Ansatz getrennter Tools für getrennte Sphären setzt sich doch noch durch, mit Nachbarschaftsapps, Berufsnetzwerksapps, Akademiker*innenapps, Schulfreundeapps usw. – bisher habe ich aber den Eindruck, dass sich das eher im Sande verläuft, weil Menschen eher faul sind, und nicht für jede Sphäre ein eigenes Netzwerk aufbauen und pflegen wollen, und weil es eigentlich gerade da spannend wird, wo unterschiedliche Sphären aufeinander treffen und sich im Idealfall befruchten.)

Was ich an Facebook übrigens vollkommen uninteressant finde, sind Spielchen, Persönlichkeitstests, Umfragen und dergleichen mehr (und natürlich auch die personalisierte Werbung …). Ebenso nervt die zunehmende Algorithmisierung des Newsfeeds.

Solange alle (und es sind ja weitem nicht alle) bei Facebook sind, ist es hilfreich, um lose Kontake aufrecht zu erhalten. Und solange dort (semi-)öffentlich politisch diskutiert werden kann, ist es hilfreich zur Meinungsbildung und auch zur eigenen Präsenz in Debatten.

Trotzdem bleibt ein schlechtes Gefühl. Auf dem Handy nutze ich schon seit längerem nicht die Facebook-App (auch weil die mit meinem inzwischen schon etwas älteren Telefon nicht gut klarkommt), sondern einen Wrapper (Tinfoil), der die FB-Website als App darstellt. Das reduziert auch die Art und Menge der Informationen, etwa über Standorte, die bei Facebook ankommen. In Facebook selbst sind es nur wenige Apps, denen ich Zugriff auf meine Daten erlaube. Trotzdem bleibt es ein halböffentlicher Raum – der Funktion nach öffentlich, aber in privater Hand.

Insofern scheint mir die große Frage, die sich aus den aktuellen Cambridge-Analytica-Geschichten ergibt, nicht die eines »Datenlecks« zu sein, und auch nur begrenzt die Frage »Is Facebook evil?«, sondern eher die Notwendigkeit, noch einmal darüber zu reden, wie eigentlich sichergestellt werden kann, dass monopolartige Plattformen für bestimmte Dienste, die von der Datenanalyse und dem Datenverkauf leben, einer gewissen polischen Kontrolle unterliegen. Und damit meine ich nicht das missglückte Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder eine wie auch immer geartete »Zensur«, sondern eher Datenschutzstandards und Zugänglichkeit (auch im Sinne: darf das private Unternehmen Facebook willkürlich Nutzer*innen rauswerfen?). Vielleicht ist es ja ein Kollateralnutzen des aktuellen Skandals um Cambridge Analytica, das auch über solche Fragen noch einmal nachgedacht wird.

Ich vermute nicht, dass am Ende ein »Verstaatlicht Facebook!« dabei herauskommt. Aber möglicherweise – siehe die anderen großen Infrastrukturen, egal, ob es das Eisenbahnnetz oder die Telekommunikation betrifft – der Aufbau einer überwachenden Behörde und eine politische, dann notgedrungen internationale Debatte darüber, ob es eigentlich besonderer rechtlicher Standards für Netzplattformanbieter bedarf. Vielleicht wäre das hilfreich.

Warum blogge ich das? Weil ich mir tatsächlich die Frage gestellt habe, ob ich meinen Account löschen soll, und es sich aus meiner Sicht lohnt, sich darüber zu verständigen, was diese seltsame Plattform für die Erfassung sozialer Netzwerke eigentlich in unserer Praxis ist.

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