Leseprotokoll Juni 2017

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Auch im Juni habe ich ein bisschen was gelesen – und Fernsehen geschaut. Genauer gesagt: nachdem ich Dr Who bisher nur als popkulturelles Phänomen kannte (und ganz evtl. mit zwölf oder so im England-Austausch mal eine der klassischen Folgen in schwarz-weiß gesehen habe), habe ich mir jetzt die dank Video-on-demand inzwischen überall verfügbare Serie angeschaut. Na gut, nicht die ganze, sondern spontan mal mittendrin, sprich: die 2010 gelaufene Staffel. Und war doch sehr angetan davon. Was all denen, die Dr Who als sehr britische, sehr wild in Zeit und Raum manövrierende Science Fiction/Fantasy kennen, nicht neu ist. Werde ich weiter machen!

Und sonst so? Einmal Politik, einmal Essays, zweimal SF&F.

Politik: Zufällig bin ich auf die gesammelten Kolumnen des Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordneten Matthias Zimmer gestoßen – Am Rande der Politik. Zimmer – der unter anderem Chef der hessischen CDA ist – bin ich bisher nur einmal am Rand der Degrowth 2014 in Leipzig begegnet. Damals hatte ich den Eindruck, dass er ein der Neuem gegenüber eher aufgeschlossenen CDU-Abgeordneten sein könnte.

Seine »vergnüglichen Beobachtungen vom Rande der Politik«, so der Klappentext, verschieben dieses Bild etwas. Die als Blogtexte und in der Frankfurter Neuen Presse erschienenen Kolumnen reichen vom Unmut über das Handy-Telefonieren im Zug, die richtige Wahl von Urlaubslektüre, Urlaubsort und Auto als Politiker bis zur Funktionsweise des Redepults im Bundestag als einem parlamentarischen Objekt. Neben Klugheit und Aufgeschlossenheit für Neues sind mir in den gesammelten Texten noch zwei andere Aspekte aufgefallen. Das eine ist ein sehr tiefer Konservativismus, den ich so nicht erwartet hätte – wenn es etwa um die Familie als Gemeinschaft geht, um Deutschland als Kulturnation oder um die eher zähneknirschend hingenommene Gleichberechtigung der Geschlechter. Höflichkeit, Respekt und Förmlichkeiten – auch der Repräsentation und der Tradition – werden groß geschrieben; dahinter scheint mir ein Selbstverständnis zu stehen, dass Zusammenleben und Politik nicht anders funktionieren können.

Das andere, interessante, das mir in der Summe der Texte aufgefallen ist, sind einige Eigenheiten der Funktionsweise der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag: wie dort Aufstieg und innerfraktionäre Machtverhältnisse organisiert sind; wie bei Anhörungen vorgegebenene Fragen an die eigenen Sachverständigen gestellt werden; wie es Aufgabe der Abgeordneten vor allem auch ist, Kompromisse, auch wenn sie einem nicht gefallen, nach außen zu vertreten. Zimmer positioniert sich hier als einer, dem das alles eigentlich nicht zusagt, der das Spiel aber mitspielt, weil es halt nun einmal die Regeln dieses Spiels sind. Was die Frage offen lässt, warum jemand wie Zimmer – mit vorherigen Stationen in der Wissenschaft, bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Frankfurter Oberbürgermeisterin – zum wiederholten Mal in den Bundestag möchte. So richtig glücklich wirkt er – in der Summe der 2016 zusammengestellten Texte – damit nicht.

Essays: Die als Autorin von Palimpset und The Girl Who Circumnavigated Fairyland in a Ship of Her Own Making bekanntgewordene Autorin Catherynne Valente ist auch sonst recht produktiv, und schreibt und bloggt zu Themen rund um das Erzählen von Geschichten, die Grenzen der Genres, um Geschlechterverhältnisse und ganz alte Mythen. Ihr Essayband Indisthiguishable from Magic gibt nicht nur Einblicke in ihren Schaffensprozess und in queere Lesarten klassischer Mythen, sondern enthält auch ein paar politische Texte, die ich überwiegend sehr lesbar und »denkwürdig« fand.

SF&F: Eigentlich sind es sogar drei Bücher, die ich im Juni gelesen habe, aber weil ich an dem einen noch rum kaue (und erst die Fortsetzung gelesen haben will, bevor ich etwas dazu sage), hier nur kurz zu Andrew Caldecotts Rotherweird und zu The Rise and Fall of D.O.D.O. von Neal Stephenson und Nicole Galland.

Caldecott (im »wirklichen Leben« ein renommierter Anwalt) schafft in seinem Debutroman einen magischen Ort mitten in England. Das kleine, versteckt gelegene Städtchen Rotherweird am Fluss Rother ist ein anachronistischer Fremdkörper, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart in anderen Verhältnissen mischen als anderswo. Schuld daran ist ein zu elisabethianischer Zeit erlassenes Edikt, das Rotherweird (und die umliegenden Dörfer) unter Selbstverwaltung stellt und den Bürger*innen der Stadt zugleich verbietet, sich mit ihrer Geschichte zu befassen. Zu dieser verbotenen Geschichte gehören extrem begabte Kinder, die vor vierhundert Jahren hierher gebracht wurden, und mit ein Grund dafür sein mögen, das Rotherweird zwar keine Autos und Fernsehgeräte kennt, aber ansonsten höchst entwickelte Wissenschaft betreibt. Mit dem Lehrer Jonah Oblong – ausgerechnet für Geschichte! – und dem reichen Investor Sir Veronal Slickstone tritt die Außenwelt in das Städtchen. Bald schon kommt es zu einem Verbrechen – aber der Kriminalfall liegt anders als gedacht, und nach und nach wird Oblong deutlich, dass es noch einen weiteren Grund für Rotherweirds Schrägheit und Abschottung gibt. Der hat mit farbigen Steinen und einem Portal zu tun. Alte Fresken erzählen von seltsamen Fabelwesen und Vorfällen aus Rotherweirds Vergangenheit. Wird sich die Geschichte wiederholen?

Stephenson und Gallands The Rise and Fall of D.O.D.O. ist, wie fast immer, wenn Stephenson draufsteht, ein umfangreiches, über Raum und Zeit aufgespanntes Werk. Und auch hier geht es um das Verhältnis von Magie und Wissenschaft. Die Protagonistin, die polyglotte Harvard-Linguistin Melisande Stokes bekommt ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Erst sind es nur alte Texte, die ihr der Geheimagent Tristan Lyons bringt, und die sie übersetzen soll. Aus diesen wird nach und nach deutlich, dass etwa zeitgleich mit der großen Weltausstellung 1851 in London Hexen und ihre Magie aus der Welt und der Überlieferung verschwunden sind. Stokes und Lyons finden eine technische Lösung für dieses Problem und bauen schließlich eine Geheimorganisation auf, die Hexerei und Geheimdienste zusammenbringt – quer durch die Weltgeschichte. Was nicht lange gut geht. Ein besonderer Reiz der zwischen London 1851, der Gegenwart in Boston und einigen anderen Orten springenden Geschichte ist die multiperspektivische Erzählweise durch Tagebucheinträge, Dokumente, Briefe und dergleichen mehr.

Beide Bücher fand ich – mit ihren ganz unterschiedlich gelagerten Variationen durchaus ähnlicher Themen – sehr unterhaltsam, witzig und nicht unspannend. Auch als Urlaubslektüre oder für den Baggersee geeignet, wenn ich das so sagen darf.

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