Leseprotokoll Februar

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Flower paper

Immer diese Vorsätze. Mal sehen, ob ich es durchhalte, jeden Monat Buch zu führen über die gelesenen Bücher, und davon dann auch noch im Blog zu berichten. Hier jedenfalls mein Leseprotokoll für Februar. Diesmal mit Mythologie, Science Fiction und schwäbischer Heimatkunde.

Eher gequält habe ich mich durch Robin Lane Fox’ Buch Reisende Helden. Das ist ein frühgeschichtliches Sachbuch, das ich einmal als Prämie für eine Bestellung eines MERKUR-Abos erhalten habe. Ich hatte es, wenn ich mich richtig erinnere, damals angekreuzt, weil ich davon ausgegangen war, dass es eine Art Nacherzählung oder kommentierte Sammlung antiker Sagen oder etwas in der Art wäre. War es aber nicht, sondern antike Geschichte. Da weder der geschichtswissenschaftliche Habitus noch der Gelehrtenstreit darüber, wann genau Homer zu verorten ist, und ob Funde aus Euböa, aus Kreta, aus dem heutigen Spanien oder aus der Levante was genau beweisen, so wirklich mein Ding sind, war für vieles an diesem Buch nicht so sehr interessant. Was ich jedoch mitgenommen habe – und deswegen auch weitergelesen habe – sind zwei Dinge: Zum einen habe ich einen Eindruck davon gewonnen, wie Historiker*innen arbeiten, wenn sie vor allem auf schriftlose Quellen wie Tonscherben und Metallgefäße angewiesen sind, und wenn sie versuchen, Textzeugnisse aus ganz unterschiedlichen Kulturen mit Artefakten zusammenzubringen. (Und wie sehr dabei auch die eigene Kreativität und die eigenen Vorurteile der jeweiligen Wissenschaftler*in mit einfließen …). Zum anderen (und das sage ich ungern, weil’s ja irgendwie doch eine Bildungslücke ist) ist mir erst so richtig klar geworden, wie eng die Verknüpfungen in der antiken Welt im Mittelmeerraum eigentlich waren. Klar, Römer*innen und Griech*innen, darüber habe ich auch mal etwas gelernt. Und ebenso über Hannibal und Karthago, Troja und die ägyptischen Pharaonen – dass der abendländische Bezugspunkt Antike allerdings zu bedeutenden Teilen in Nordafrika, dem heutigen Syrien, der heutigen Türkei liegt – das war mir tatsächlich nicht so richtig präsent. Also: was gelernt, auch wenn’s vielleicht gar nicht die eigentlich zentrale Botschaft des Buches für ein Fachpublikum war.

Von den griechischen zu den nordischen Mythen: Neil Gaiman hat die Nacherzählung Nordic Mythology veröffentlicht, in der er – so weit ich das beurteilen kann, recht nah an Edda und anderen Quellen – in seinen Worten und mit seiner Erzählgabe von Odin und Thor, Loki und Freya, Riesen, leuchtenden Hell- und zwergischen Dunkelelfen berichtet. Das war natürlich sehr viel angenehmer zu lesen als ein mit Fußnoten gespickter Althistoriker – und auch hier habe ich einiges über das nordische Pantheon gelernt, was bisher nur irgendwelches Halbwissen war. (Was mich dann weniger später amüsierte, als meine Kinder eine Folge der Wicki-Zeichentrickfilmserie ansahen, in der die Charaktere ein Theaterstück inszenierten, in dem es um Balder, Loki und Hel ging – und dessen im Zeichentrick etwas kinderfreundlich verfremdeten Kerngehalt ich kurz vorher bei Gaiman gelesen hatte …).

Und noch ein dickes Sachbuch: Hermann Bausingers Schwäbische Literaturgeschichte. Das hatte ich mir zu Weihnachten gewünscht, weil ich erstens gebürtiger Tübinger bin, zweitens in meiner alltäglichen Arbeit doch immer wieder erlebe, wie wichtig die regionalen Differenzen in unserem Bindestrichland sind, und wie unterschiedlich die verschiedenen Heimatkulturen und -bezüge wirken, und drittens natürlich, weil Hesse, Hölderlin, Mörike, Troll und viele mehr im elterlichen Bücherregal standen. Bausinger fängt damit an, erst einmal zu sortieren, auf was er sich eigentlich bezieht, wenn es um Schwaben geht (die württembergische Kernlande, Oberschwaben, …) und dann mehr oder weniger chronologisch, mit Ausflügen in einzelne Themen, Personenkonstellationen und Regionen einzelne Autoren (und wenige Autorinnen) biographisch und literarisch vorzustellen, dabei eine Klammer vom Barock bis zum 20. Jahrhundert schließend. Sehr lehrreich und sehr lesenswert, weil Bausinger schlicht und einfach gut schreibt. Ich habe jetzt ein lebhaftes Bild davon, wie Schiller aus Württemberg floh, wie es bei Uhland und Vischer zuging, und wie Religion, Dialekt und Aufklärung zusammenwirkten.

Ebenfalls sehr dick: der Roman Alpha & Omega von Markus Orths. Der lag ewig herum, bis ich mich endlich mal daran gemacht habe, ihn zu lesen. Irgendwie habe ich verlernt, deutschsprachige Belletristik zu lesen. Nett an Orths Roman – es geht irgendwie um Science Fiction, Zukunft, Zeitreisen und kosmische Zufälle – fand ich das Lokalkolorit. Wichtige Teile spielen in Freiburg, und das natürlich mit hohem Wiedererkennungswert. Und nach einigem Hin und Her war’s dann auch halbwegs spannend. Nicht so richtig sicher, wie ich es finde, bin ich mir bezüglich des Nichternstnehmens sämtlicher Genrekonventionen zugunsten von frei flottierenden, manchmal etwas sehr kalauerig geratenen Humorelementen. Ist das so eine Eigenheit deutschsprachiger Literaten, zwanghaft Wortspiele machen zu müssen, mit wahn-sinnigen Über-Treibungen arbeiten zu müssen und Figuren so zu zeichnen, dass sie auch in Comics auftreten könnten? Wer’s mag, ist hier gut aufgehoben.

(Falls jemand deutschsprachige Science Fiction kennt, die weder niveaulos ist noch zwanghaft beweisen muss, Literatur zu sein, wäre ich für Hinweise dankbar …)

Gerne gelesen habe ich Nnedi Okorafors Fortsetzung Binti:Home. Einziger Kritikpunkt: die Geschichte ist zu kurz und bricht ziemlich unvermittelt mit einem Cliffhanger ab. Teil 3 der Reihe soll aber schon fertig sein und wird hoffentlich noch dieses Jahr erscheinen. Worum es geht? Binti ist das einzige Mädchen aus ihrem Dorf, das die galaktische Eliteuniversität besucht. Auf dem Weg dorthin (die Handlung des ersten Bandes) kommt es jedoch zu einem schlimmen Zwischenfall. Eine Kriegserklärung wird knapp verhindert, Binti überlebt als einzige, wird aber teilweise zur Meduse. Im zweiten Band, Binti:Home, kehrt sie nun von dieser Universität in ihr Dorf zurück. Sie bringt ihren Freund – ein aufbrausender Meduse – mit. Verschiedene Wertvorstellungen und Kulturen prallen aufeinander. Und was hat es mit den Wüstenleuten auf sich?

Das beste zum Schluss: Nachdem ich einige eher durchwachsene Kritiken gelesen habe, habe ich mich lange nicht an The long way to a small, angry planet von Becky Chambers heran getraut. Das war definitiv ein Fehler, denn das Buch ist großartig. Begeistert hat mich insbesondere das Worldbuilding (ein galaktisches Commonwealth, in dem Menschen eine eher untergeordnete und skeptisch beäugte Spezies darstellen) und das Setting: ein in die Jahre gekommenes, zusammengeflicktes Bau-Raumschiff, in dem eine Multi-Spezies-Crew mit all ihren Eigenheiten und Macken aufeinander hockt. Visuell erinnert mich das an Firefly und Serenity, es gibt viele gegenkulturelle und queere Wiedererkennungseffekte. Die Technikerin und der Techniker sind Nerds, die echsenartige Navigatorin kommt aus einer Kultur, in der große Teile der Kommunikation über Berührung laufen, der Koch und Arzt hat eine Küche-als-Aufenthaltsort-als-Gewächshaus, die auch in einer Kommune oder in einem Urban-Gardening-Projekt zu finden sein könnte. Und die Protagonistin Rosemary, frisch vom Mars angeheuert, bringt ebenso wie der weichherzige Kapitän selbstverständlich ihre eigene Geschichte mit, die nicht ganz zu ihrer vorgeblichen Identität passt. Sehr schön! (So schön, dass ich dann gleich noch die Fortsetzung, A closed and common orbit, gekauft und gelesen habe, in der es um Fragen von Identität, Klonen und AI geht. Die ist etwas düsterer, aber ebenfalls sehr zu empfehlen, auch wenn es nur wenige Überschneidungen mit dem long way gibt).

Warum blogge ich das? Vorsätze. Wie ich schon sagte.

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