Notlandung

Alien planet MühlackreDen letzten Signalen war zu entnehmen, dass die Expedition den Planeten erreicht hatte. Im Anflug noch konnte bestätigt werden, dass der Planet mit seinem einen Trabanten – wie vermutet – Flora und Fauna aufwies. Allerdings verhinderte die dichte Wolkendecke zunächst genauere Beschreibungen. Später mehr.

Als die Signale das Kontrollzentrum im Mutterschiff mit mehreren Minuten Verspätung erreichten, brach dort Jubel aus. Was niemand ahnte: Zu diesem Zeitpunkt war der Kontakt schon abgebrochen. Wenige Minuten später wich aus den Gesichtern des Teams im Kontrollzentrum die Farbe. »Bitte melden, bitte melden« – banges Warten, das sich zur Gewissheit eines ernsthaften Problems verdichtete, als auch nach Stunden kein Signal mehr kam. Der Lander war auf sich selbst gestellt – bis seine Schwester, die noch in der Bucht des interstellaren Mutterschiffs träumte, den Planeten erreichen konnte, würden Wochen vergehen. Vorausgesetzt, dass der Rat sich dazu entscheiden sollte, überhaupt einen zweiten Lander loszuschicken. Ohne zu zögern, der Tageszyklus war noch nicht beendet, begann im Kontrollzentrum die Risikoanalyse.

* * *

Die Atmosphäre des Planeten war um eine Größenordnung dichter als erwartet. Eine Anomalie. Die Flugkünste der Pilotin halfen nichts – auf eine derartig dichte Atmosphäre war der Lander nicht ausgelegt. Sekunden nach dem Eintritt in das planetare System überschritt die Verkleidung der Flügel den kritischen Wert. Der Lander zerbrach.

Immerhin: Die Notfallautomatik funktionierte. Die Kapsel, in der sich das Landeteam samt der Pilotin aufhielt, wurde mit Gel geflutet und abgesprengt. Der gigantische Fallschirm entfaltete sich. Im Zusammenspiel mit der dichten Atmosphäre wurde die Kapsel hinreichend gebremst. Die Pilotin fluchte. Selbst wenn die Flugbahn der Kapsel gesteuert hätte werden können, wäre sie nicht in der Lage gewesen, etwas zu tun – das Schockabsorptionsgel verdammte sie zu absoluter Bewegungslosigkeit. Die Kapsel begann, sich um ihre vertikale Achse zu drehen. Es war, als würden Riesenkraken an den Mitgliedern der Besatzung zerren. Das Landeteam verlor das Bewusstsein.

Die Kapsel musste gelandet sein. Jedenfalls drehte sich nichts mehr. Das Schockabsorptionsgel war abgesaugt worden. Die Pilotin sah sich um. Auch die anderen beiden Mitglieder des Teams kamen wieder zu Bewusstsein. Ächzend drehte sich die Expeditionsleiterin, eine blutige Schramme durchzog ihr Gesicht. »Pilotin, Lagebericht bitte.«

»Einen Moment bitte, Leiterin.«

Mit ihrem zweiten linken Tentakel öffnete die Pilotin das sekundäre Kontrollterminal. Sie hatte Glück. Das digitale System hatte den Absturz überstanden.

»Leiterin, wir sind gelandet.«

»Das sehe ich selbst. Ausführlicher Lagebericht!«

Die Pilotin ging die Liste der Statusmeldungen durch.

»Notfallsysteme sind aktiviert. Die strukturelle Integrität der Landekapsel ist gewährleistet. Zeitpunkt: t minus 32 Minuten seit der Landung. Die Landung erfolgte durch kontrollierte Absprengung; der Lander ist verloren. Ursache: Überhitzung im Gleitflug. Wir haben noch Vorräte an Wasser und Atemluft« – sie überschlug die Zahlen im Kopf – »für einige Tage, Leiterin.«

Das dritte Teammitglied, der Wissenschaftler, hatte den Report gehört. Er schlug die Tentakel über die Augen, als er dies hörte.

Allen drei war bewusst, dass damit ihr Schicksal besiegelt war. Einige Tage würden nicht ausreichen, bis eine zweite Expedition sie erreichte. Zudem würde diese die selben Probleme bekommen – die Lander waren identisch gebaut.

Die Pilotin hatte eine militärische Ausbildung hinter sich. Sie war nicht so weich wie der Wissenschaftler, der leise schluchzte. »Leiterin, wir müssen das Mutterschiff über die atmosphärische Anomalie informieren, bevor der zweite Lander ebenfalls verloren geht«.

»Tun Sie das, Pilotin.«

Einige Minuten vergingen, in denen die Pilotin mit mehreren Tentakeln zugleich an einem Hebel zog. Offensichtlich erfolglos.

»Leiterin, die sekundäre Antenne kann nicht ausgefahren werden. Entweder ist die Gravitation zu stark, oder irgendetwas blockiert sie.«

»Haben wir eine funktionsfähige Außenkamera, Pilotin?«

»Nein, Leiterin. Steckt genauso fest wie die Antenne.«

»Dann bleibt uns nur ein Außeneinsatz. Teilen Sie meine Einschätzung, Pilotin?«

»Ja, Leiterin. Wir haben allerdings nur« – sie sah auf ihr Terminal – »einen funktionsfähigen Raumanzug.«

Die Leiterin rieb sich mit einem Tentakel über die Schramme in ihrem Gesicht. Sie durfte jetzt keine Nervosität zeigen. Es war ihre Pflicht, das Mutterschiff zu informieren, möglichst viel Wissen über den Planeten zu sammeln und dann auf diesem fremden Planeten zu sterben. Das stand fest. Auch die Prioritäten waren klar. An erster Stelle stand die Warnung an das Mutterschiff. Alles andere war zweitrangig.

Der Wissenschaftler unterbrach ihre Gedanken. Zitternd richtete er sich auf und setzte an: »Leiterin, ich bin nicht würdig. Es steht mir nicht zu, den Vorschlag zu machen. Aber. Aber ich wäre bereit, hinauszugehen.«

Er sackte wieder zusammen.

Theoretisch waren sie alle gleich gut für diese Aufgabe geeignet. Sie alle hatten unzählige Übungen mit Außeneinsätzen durchgeführt. Wenn die Landung glatt gelaufen wäre, hätten sie alle gemeinsam den Lander verlassen für die Erkundung des Planetens verlassen. Was war jetzt das wichtigste, fragte sich die Leiterin – die wissenschaftliche Interpretation oder die Kraft und das Geschick der Pilotin? Oder sollte sie selbst?

Sie hatte sich entschieden. »Pilotin, Sie übernehmen den Außeneinsatz. Können wir einen kontinuierlichen Bilderstrom erhalten?«

Die Pilotin zögerte kurz. »Ja, Leiterin. Das müsste machbar sein.«

»Gut. Wissenschaftler, Sie werden berichten, was zu sehen ist. Ihre Verantwortung ist ein möglichst umfassender Bericht für das Mutterschiff – wenn wir diese verdammte Antenne aufgerichtet bekommen!«

* * *

Die Pilotin hatte sich in den einzigen funktionsfähigen Anzug für den Außeneinsatz gezwängt. Zwei ihrer Tentakel musste sie einrollen. Der Anzug hatte nur sechs Arme. Schon unter normalen Umständen war der Anzug schwer. In der Gravitation des Todesplaneten ächzte selbst sie unter dieser Last. Um nach draußen zu gelangen, hatte sie durch zwei Membrane robben müssen. Jetzt richtete sie sich auf, so gut es hier möglich war.

Bevor sie eine Gelegenheit hatte, ihre Umgebung wahrzunehmen, knackte es. »Pilotin, hören Sie mich?«

»Ja, Leiterin, die Funkverbindung steht. Ich schalte jetzt das Bild hinzu.«

»Danke, Pilotin. Können Sie etwas erkennen? Das Bild ist zu dunkel.«

Die Pilotin sah sich um. »Wir müssen uns auf der Nachtseite befinden, Leiterin.«

Schemenhaft konnte sie gewaltige, der hohen Schwerkraft trotzende Schlingpflanzen ausmachen, die sich senkrecht aufrichteten und weiter oben zueinander beugten, eine Art Höhle bildeten. Dunkelheit. Sie hörte über den Innenlautsprecher des Anzugs fremde Geräusche, irgendwelche Wesen in der Ferne krächzten, knackten und klangen.

Die Rettungskapsel musste einige der Schlingpflanzen mitgerissen haben. Nur dort, wo sie gelandet war, hatte die Pflanzendecke ein Loch, und die Pilotin konnte den tief dunkelblaue Himmel sehen. Da – die Wolken rissen für einen Moment auf, das vom Trabanten reflektierte Licht des Zentralgestirns dieses Systems bot der Pilotin für einen Augenblick die Chance, mehr zu sehen. In der Tat: Ein Arm einer Schlingpflanze war quer auf die Kapsel gestürzt.

»Leiterin, eine Riesenpflanze blockiert die Antenne. Ich schalte jetzt den Scheinwerfer an und versuche dann, sie zu entfernen. Ok?«

»Ja, Pilotin, Sie haben die Erlaubnis, den Scheinwerfer einzusetzen. Und dann sorgen Sie dafür, dass dieser Arm wegkommt!«

Im gleißenden Licht des Scheinwerfers konnte die Pilotin sehen, dass die Schlingpflanzen eine Art feiner grüner Haare aufwiesen. An den wild gebogenen Armen einer einzelnen Pflanze gabe es tausende davon. Bei einigen Pflanzen waren sie dünn, bei anderen großflächig. Die großflächigen, dünnen Haarschuppen dieser Schlingpflanzen waren es, die den Eindruck einer Höhle verstärkten.

Die Pilotin blickte sich um. Der Fallschirm der Landekapsel musste beim Eintritt in das Schlingpflanzengebiet abgerissen sein. Vielleicht war er auch verbrannt – jedenfalls konnte sie keine Spur davon sehen.

Jetzt, im Scheinwerferlicht, wurde ihr das ganze Ausmaß des Problems bewusst. Der Arm der Schlingpflanze, der die Antennenklappe blockierte, musste ein gewaltiges Gewicht aufweisen. Jedenfalls sah sie, dass die Außenhülle der Kapsel eingebeult war – bei diesem Werkstoff eigentlich nicht möglich. Oder lag es an der lokalen Schwerkraft?

Sie kletterte auf das Dach der Landekapsel. Das war schwerer, als sie gedacht hatte. Aber schließlich war sie oben angelangt.

Aus der Nähe betrachtet sah sie, dass der Arm der Schlingpflanze etwa drei- oder viermal so dick wie einer ihrer muskulösen Tentakel. Er wies schwarze Brandspuren auf. Die grünen Haare gab es hier nicht.

Die Pilotin stemmte sich mit drei Tentakeln gegen den Arm der Schlingpflanze. Er bewegte sich um ein oder zwei Zentimeter, rutschte dann aber wieder zurück.

»Leiterin, Wissenschaftler, ich melde: der Arm lässt sich nicht bewegen. Bitte um Vorschläge.«

Eine Weile war nichts zu hören. Die Pilotin schaltete den Scheinwerfer aus, um die Batterie des Anzugs zu schonen. Sie blickte in die blaue Dunkelheit, weit oben über der Landekapsel. Nachdem ihre Augen sich auf die Dunkelheit eingestellt hatten, konnte sie Sterne entdecken. Dort oben war die Nestwelt. Nie wieder würde sie diese betreten. Aber selbst das Mutterschiff, das ihr über die Jahre der Reise zur Heimat geworden war, würde sie nicht wieder sehen. Es war das eine, dieses Risiko theoretisch zu kennen. Die Gewissheit zu haben, auf dieser lebensfeindlichen Welt gestrandet zu sein, war anders.

Der Lautsprecher knackte.

»Hier spricht die Leiterin. Pilotin, wir haben die Lage analysiert. Plan A wäre die Entfernung des Hindernisses mit schweren Werkzeugen.«

»… die wir nicht haben, weil sie mit dem Lander zerstört wurden«, unterbrach die Pilotin.

»Genau. Deswegen schlagen wir Plan B vor. Sie haben von Brandspuren berichtet?«

»Ja, Leiterin. Die Riesenschlingpflanze scheint aus einem brennbaren Material zu bestehen.«

* * *

Der Plan B hatte sich als umsetzbar erwiesen. Mit Hilfe ihrer Laserwaffe hatte die Pilotin den Arm der Schlingpflanze in Brand gesetzt. In der dichten Atmosphäre fing der Arm schnell Feuer. Nach kurzer Zeit schlugen orangene Flammen gen Himmel. Eine Weile lang befürchtete die Pilotin, auch die umstehenden Schlingpflanzen könnten Feuer fangen. Dies war jedoch nicht der Fall.

Die Leiterin hatte ihr befohlen, wieder in die Kapsel zu kommen. Während der Wissenschaftler den Bericht vorbereitete, erlaubte die Leiterin der Pilotin, sich auszuruhen. Einen halben Tageszyklus später wurde sie wieder hinausgeschickt. Der Antennenmast war jetzt ausgefahren, aber die Antenne selbst konnte sich nicht entfalten. Langsam gewöhnte die Pilotin sich daran, im schweren Anzug unter der hohen Schwerkraft zu klettern. Der Antennenmast überragte die Schlingpflanzen. Es war nicht einfach, aber es gelang ihr, die Antenne zu entfalten. Danach sah sie sich um. Eine riesengroße geometrische Form, die ihr wie ein Stielauge erschien, war in einiger Entfernung auszumachen.

»Was ist das, Wissenschaftler?«

»Pilotin, das muss ein Bauwerk sein. Ein untrügliches Zeichen: Dieser Planet ist von intelligenten Lebewesen bewohnt.«

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Ein Kommentar zu Notlandung

  1. #ilike RT @_tillwe_: Notlandung – SF-Kurzgeschichte zu einem Foto: http://t.co/JHtLVfP7mH

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